Welt : Gab es Sterbehilfe in New Orleans?

Dokumente sollen belegen: Nach „Katrina“ bekamen Patienten eine Überdosis Morphium gespritzt

Christoph von Marschall[New Orleans]

Mitten im Karneval wird New Orleans auf erschütternde Weise an die Schrecken der Hurrikan-Tage erinnert. Die Staatsanwaltschaft prüft seit Monaten Berichte über Euthanasie im Ausnahmezustand: Nicht transportfähige Patienten des Memorial-Hospitals sollen mit Überdosen von Schmerzmitteln getötet worden sein, als das Krankenhaus evakuiert wurde. Bisher sei niemand angeklagt worden, die Untersuchung sei außerordentlich kompliziert, berichtet National Public Radio (NPR) unter Berufung auf die Akten.

Angela McManus, eine 48-jährige Schwarze, saß damals am Bett ihrer 78-jährigen Mutter Wilda Faye im siebten Stock des Hospitals, der Life-Care-Abteilung, einer Art Intensivstation für Alte, und sang ihr Gospels vor. Die Mutter war zwei Wochen zuvor eingeliefert worden mit Komplikationen ihrer Darmkrebserkrankung. Am Dienstag, dem zweiten Tag nach „Katrina“, „sagten die Schwestern, die Abteilung werde per Helikopter evakuiert“, erzählte Angela dem Sender. „Ich wurde ins Erdgeschoss geschickt, um auf Boote für die Nichtbettlägerigen zu warten. Draußen waren Schüsse zu hören. Plünderer räumten den Drugstore an der Ecke aus.“ Das Krankenhaus war von Wasser eingeschlossen. Ungefähr 2000 Menschen – Ärzte, Schwestern, Patienten und ihre Verwandten – waren gefangen. „Die Flut drückte die Abwässer hoch, es stank entsetzlich.“ Der Strom war längst ausgefallen, die Generatoren versagten, die Temperaturen stiegen über 37 Grad Celsius.

Am Mittwoch erfuhr Angela, dass ihre Mutter nicht ausgeflogen worden war, und ging zurück zu ihr in den siebten Stock. „Sie lag völlig lethargisch da, schlief immer wieder ein, statt mit mir zu reden.“ Die Schwestern sagten, sie hätten ihr ein Beruhigungsmittel gegeben. Angela sang ihr wieder Gospels vor und musste mit ansehen, wie eine andere Patientin beim Versuch, sie auszufliegen, starb. Sie hörte ein Gespräch zwischen Schwestern, wonach DNR-Patienten („ Do not resuscitate“ – nicht wiederbeleben) nicht mehr evakuiert werden sollten. Auch am Bett ihrer Mutter hing ein DNR-Schild. Sie versuchte, die Entscheidung zu ändern, vergeblich. Mittwochabend gingen Polizisten mit vorgehaltener Waffe durch das Krankenhaus und forderten alle Angehörigen und das nicht unverzichtbare Personal auf, das Gebäude zu verlassen. „Ich weckte meine Mutter auf, sagte ihr, dass ich wegmüsse und dass es in Ordnung sei, wenn sie mit Jesus gehe. Sie schrie, sie weinte. Und als ich sie fragte, sagte sie, sie habe verstanden. Die Polizisten brachten mich nach unten.“ Laut Angela lebten noch acht Patienten auf der Station, als sie ging.

Die Untersuchung ist dem Radiobericht zufolge noch im September 2005 durch eine Selbstanzeige der Krankenhausbetreiber ausgelöst worden. Das bisherige Bild stützt sich vor allem auf die Aussagen von vier Zeugen, die Gespräche von Schwestern und Ärzten mitgehört haben. Demnach kam am 1. September, dem vierten Tag nach „Katrina“, die Anordnung, die Patienten des siebten Stocks nicht zu evakuieren, aber auch „keine Lebenden zurückzulassen“. Wer die Entscheidung traf, ist unklar. Der Leiter der Krankenhausapotheke sagt, bevor das Krankenhaus geräumt wurde, habe er die Ärztin Anna Pou gefragt, wie das vor sich gehen solle. Sie habe ihm eine Großpackung Morphium gezeigt und sei mit zwei Schwestern in die Abteilung gegangen. Am 1. Oktober ließ die Staatsanwaltschaft das Krankenhaus durchsuchen. Aus dem Radiobericht geht nicht hervor, wie viele Tote gefunden wurden. Es ist offenbar schwierig, festzustellen, ob tatsächlich Überdosen von Morphium verabreicht wurden. Von Leichen seien Gewebeproben genommen worden, die Ergebnisse sind nicht bekannt. Die Körper waren „im fortgeschrittenen Verwesungsstadium“. Eventuelle Rückstände könnten aber auch von einer Schmerztherapie vor dem Hurrikan stammen.

Krankenhaus und Ärzte schweigen, unterstreichen nur ihre „volle Kooperation“ mit der Untersuchung. Die Anwälte betonen, das Personal habe „niemandem im Stich gelassen und nichts Illegales getan“. Angela McManus sagt: „ Ich weiß nicht, was Gottes Wille ist und wann er meine Mutter zu sich rief. Aber ich will wissen, ob Menschen ihren Tod beschlossen haben, damit ich Frieden finde.“

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