Welt : Ganz Belgien ist erschüttert

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Brüssel Die meisten Belgier wussten nicht, dass ein dichtes Netz von Erdgasleitungen wie ein unterirdisches Spinnengewebe ihr Land durchzieht. Bis zu diesem Freitag, als das Gas mit 80 Bar Druck aus einem Leck schoss und die nachfolgende Explosion das Leben von mindestens 16 Menschen auslöschte. Schockiert starren Zeitungsleser auf Skizzen mit dem Verlauf der Pipelines in dem kleinen, aber dicht bevölkerten Land mit zehn Millionen Einwohnern.

„Unvermeidlich?“, fragt die Zeitung „De Morgen“ am Tag nach dem Inferno. Nur wenige Meter neben dem unterirdischen 90-Zentimeter-Rohr wurde die neue Fabrikhalle eines Betriebs für Schleifgeräte und Kettensägen mit Industriediamanten errichtet. Der 13 Millionen Euro teure Bau im Gewerbegebiet von Ghislenghien stand kurz vor der Fertigstellung. Er wurde geradezu pulverisiert.

„De Morgen“ fragte Bérénice Crabs von der Firma Fluxys, der das Gasnetz gehört, ob es nicht gefährlich sei, so dicht neben Gasleitungen zu bauen. „In Belgien gibt es keine andere Wahl mehr“, sagte sie, „alles ist so vollgebaut.“ Allein im letzten Jahr musste das Unternehmen 42000 Fragen von Bauherren nach dem Verlauf der Leitungen beantworten. Etwa 3500 Kilometer lang ist das Hochdrucknetz. Ob das Rohr mit seinem unsichtbaren und blitzschnell dahinschießenden Inhalt auch in Ghislenghien bekannt war, ist noch nicht geklärt. Die Frage, warum es ein Leck gab, ist noch unbeantwortet.

Für die Menschen ist das Unglück unfassbar. „Welch eine Ungerechtigkeit“, rief Verteidigungsminister André Flahaut, weil gerade auch Helfer zu den Opfern gehörten. Sie wollten das Leck gerade abdichten, als sich die große Explosion ereignete. Für die Identifizierung der Toten musste ein Spezialteam der Polizei in den Einsatz.

Die Anteilnahme der Bevölkerung ist groß. Bürger brachten Blumen zur Feuerwehr von Ath, die vier Mitglieder bei der Explosion verlor.

König Albert II., Ministerpräsident Guy Verhofstadt und andere Regierungsmitglieder unterbrachen ihren Urlaub und sprachen mit überlebenden Opfern und Angehörigen der Toten. Die Furcht ist groß, dass noch mehr Menschenleben zu beklagen sein werden. Denn etliche der Schwerverletzten schwebten auch am Samstag noch in Lebensgefahr. dpa

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