Welt : Ganz neue Töne

Heute wählt die arabische Welt ihren „Superstar“. Favorit ist der Palästinenser Ammar Hasan – die Hamas findet ihn „trivial“

Andrea Nüsse[Kairo]

So einer könnte bei uns nicht Popstar werden. Ammar Hasan sieht meist unendlich traurig aus. Mit ernster Miene und kurz geschorenen Haaren, teilweise im biederen Anzug mit unmodischer Krawatte, trägt er seine Lieder vor. Wenn der Palästinenser die Zeilen „Als Jerusalem erobert wurde … ging die Liebe verloren“ singt, ein Lied der libanesischen Diva Fairuz, rollen den Zuschauern im Studio des Beiruter Fernsehsenders „Future“ die Tränen die Wangen herunter. Doch der 26-Jährige aus Salfit, einer Kleinstadt bei Nablus in der Westbank, kann auch leichteren arabischen Pop und mit lässigem offenen Hemd singen. Mit dieser Mischung hat er es geschafft, das erste palästinensische Popidol zu werden. Ins Rampenlicht katapultiert hat den Musikstudenten der Talentwettbewerb „Super Star“, den der Fernsehsender des libanesischen Ministerpräsidenten Rafik al Hariri nach dem britischem Vorbild bereits zum zweiten Mal organisiert. Seit Wochen lockt er jeden Sonntagabend Millionen von Arabern vor den Fernseher, die per Mail, SMS oder per Telefonanruf mehrere der ursprünglich 87 Kandidaten abwählen, die von regionalen Jurys aus wiederum 6000 Bewerbern ausgewählt wurden. Der Palästinenser Hasan hat es zusammen mit dem Libyer Ayman Aatar bis ins Finale geschafft. Am Sonntag wird sich entscheiden, ob der Palästinenser Hasan der arabische „Superstar“ 2004 wird.

Für viele Palästinenser ist Ammar Hassan bereits jetzt ein Superstar. Er ist einer von ihnen, einer auf den sie stolz sein können, einer, der es geschafft hat. Der in Kuwait geborene Ammar Hasan kehrte nach dem Ausbruch des zweiten Golfkriegs 1991 mit seiner Familie nach Palästina zurück. In Nablus besuchte er die Musikhochschule, obwohl sein Vater es lieber gesehen hätte, wenn er Wirtschaft studiert hätte. Nach dem Ausbruch der zweiten Intifada sah er in Palästina keine Perspektive und ging zu einem Cousin nach Dubai. Dort arbeitet er als Sänger in einem Hotelkomplex. Doch seiner Popularität scheint es keinen Abbruch zu tun, dass er seinem Land den Rücken gekehrt hat. Sind die Hauswände in palästinensischen Städten in der Regel mit Postern von „Märtyrern“ gepflastert, die im Kampf gegen die israelische Besatzung ums Leben kamen, so machen ihnen neuerdings Bilder des Popsängers Konkurrenz. Auf Riesenleinwänden auf öffentlichen Plätzen wurden in mehreren Westbankstädten die letzten Runden der Ausscheidungen übertragen. In seinem Heimatdorf Salfit verfolgten am vergangenen Sonntag 2000 Menschen in einem Park das Finale.

Für einige Stunden scheinen die Intifada, die Checkpoints, der politische Machtkampf im Palästinenserlager und der Hungerstreik palästinensischer Gefangener in israelischen Gefängnissen vergessen. Und die Menschen scheinen das zu genießen. „Ammar verschafft uns eine Verschnaufpause“, sagt ein Fan im Fernsehen. „Wenn er singt, können wir die Besatzung und den politischen Kampf für kurze Zeit vergessen.“

Doch genau das kritisiert die islamistische Organisation Hamas. Sie lehnt Hasans Teilnahme an dem Sängerwettbewerb ab. Das sei eine triviale Ablenkung von den politischen Problemen. So wurden Fans des Popsängers in Gaza daran gehindert, eine Großleinwand aufzubauen. Sie hätte neben dem Solidaritätszelt für die palästinensischen Gefangenen stehen sollen. Doch das verträgt sich nicht mit der Schwarz-Weiß-Weltsicht der rigorosen Islamisten. Selbst Hasans Cousin, der in Salfit das Solidaritätskomitee für die Gefangenen leitet, ist ungehalten. „Bei allem Respekt für Ammar und seine Stimme: Das ist der falsche Zeitpunkt“, wird Nizar Daqrouq zitiert. Der 63-Jährige Vater Hasan Daqrouq sieht das anders. „Palästinenser, wo immer sie sich befinden, sehen Ammar als einen Botschafter“, sagt er. „Die Palästinenser werfen nicht nur Steine und Bomben. Auch Ammar verteidigt sein Volk.“ Seine Fans sehen das ebenso.

„Es geht um unser Image in der Welt, wo wir oft nur als Terroristen angesehen werden“, sagt ein palästinensischer Fan im libanesischen Fernsehen. „Ammar verändert das.“ Hier scheint sich auch wieder der populistische Instinkt des angeschlagenen Jassir Arafat zu rühren. Der in einen harten Machtkampf verwickelte Palästinenserführer telefonierte mit dem jungen Künstler und gab ihm – anders als die Hamas – seinen Segen.

Auch dem jungen Sänger selbst ist seine Gratwanderung in einer von Politik dominierten Gesellschaft bewusst. Dies mag der Grund sein, warum er in dem Universum von „Future TV“, das in der Regel von lässigen, bunt gekleideten Vertretern der libanesischen Fun-Generation bevölkert wird, so betont ernst bis traurig wirkt. „Es ist hart zu lächeln, während meine Landsleute von Besatzungstruppen getötet werden“, sagt Hasan. So hat er vor einem Auftritt ausdrücklich seine Landsleute in den besetzten Gebieten begrüßt. In Libanon, zwischen den Ausscheidungen, hat er die palästinensischen Flüchtlingslager Sabra und Schatila besucht. Das mag ihm ein wirkliches Bedürfnis gewesen sein. Aber ein bisschen Druck wird angesichts seiner umstrittenen Rolle auch im Spiel sein. Denn auch hier macht die Politik in dieser von Ideologien und Nationalismen geprägten Region nicht halt.

Entscheiden werden die etwa zehn Millionen Stimmen, mit deren Abgabe die Veranstalter in diesem Jahr rechnen, weil die Zuhörer dafür eine Woche Zeit haben. Vielleicht sind die Menschen die politische Bevormundung aber auch leid und nutzen diese einzigen freien Wahlen in der arabischen Welt, um schlicht ihre Meinung kundzutun.

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