Welt : Ganz schön vergeigt

Ende einer Posse: Die Streicher des Beethovenorchesters wollten weniger arbeiten, weil sie mehr Noten als die Bläser spielen müssen

Frederik Hanssen

Gleich zu Beginn von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ tritt Alberich auf, ein hässlicher Zwerg, der sich verzweifelt nach Liebe sehnt. Doch die drei attraktiven Rheintöchter machen sich nur über ihn lustig. Da verflucht er die Liebe und raubt das Rheingold, das ihm unbegrenzten Reichtum und unumschränkte Macht beschert. Damit aber setzt Alberich einen fatalen Prozess von Mord und Totschlag in Gang, der knapp 15 Opernstunden später zum Weltuntergang führt.

Auch die 16 Violinisten des Bonner Beethovenorchesters wollten eigentlich nur Liebe: Doch als das einst personell prachtvoll ausgestattete Ensemble nach dem Wegfall der Hauptstadtfunktion von 120 auf 106 Planstellen abspecken musste, wurden vor allem Streicherstellen gestrichen. Mit dem Effekt, dass die verbleibenden Geiger, Bratscher, Cellisten und Kontrabassisten mehr arbeiten mussten als gewohnt. Das wurmte einige der Musiker so sehr, dass sie zur Alberich-Taktik griffen: Sie verfluchten die kollegiale Solidarität innerhalb des Orchesters und gingen vor Gericht, um dort eine Art Gleichbehandlung zu erstreiten: Weil sie pro Konzert viel mehr Noten zu spielen hätten als die Flötisten, Oboisten oder Posaunisten, wollten sie weniger Stunden pro Monat arbeiten als die Bläser. Mit anderen Worten: Jede Note einer Partitur sollte künftig gleich viel wert sein.

Der Aufstand der Geiger sorgte weltweit für Aufregung, und rief sogar Unverständnis bei der Orchestergewerkschaft hervor, die sonst stets verbissen für die Rechte der staatlich angestellten Instrumentalisten kämpft. Vor allem aber drohte der Rechtsstreit nachhaltig den Ruf der Stadt Bonn zu beschädigen: Darum erklärte die Bonner Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann den Casus nach wochenlangem, von der Presse hämisch beäugten Hickhack jetzt zur Chefsache. Auf „neutralem Boden“, im Chefzimmer des Intendanten der Deutschen Welle, Erik Bettermann, kam es am Mittwoch zu einem Gespräch zwischen Dieckmann und den Musikern. Dabei gelang es der Politikerin, die Instrumentalisten davon zu überzeugen, die Klage gegen die Stadt zurückzuziehen – buchstäblich in allerletzter Minute, denn für den gestrigen Donnerstagvormittag war der erste Termin vor dem Bonner Arbeitsgericht angesetzt.

Binnen drei Wochen sollen sich die Parteien nun außergerichtlich einigen. „Die übrigen Musiker sind natürlich erleichtert, dass wir nun zur künstlerischen Normalität zurückkehren können“, sagte Orchesterdirektor Laurentius Bonitz gestern dem Tagesspiegel. Gleichzeitig betonte der Musikmanager aber auch, dass die Qualität der Aufführungen nicht unter den Rechtsstreitigkeiten gelitten habe: „Wir waren gerade auf einer Tournee, bei der das Orchester fantastisch gespielt hat. Wenn es um die Musik geht, herrscht bei uns Professionalität.“

Erleichtert zeigte sich auch der Geschäftsführer der Deutschen Orchester Vereinigung, Gerald Mertens, gegenüber dem Tagesspiegel. In einer Zeit, da viele Klassikensembles um ihr Überleben kämpften, sei jeder interne Streit unter Orchestermusikern um Geldfragen ein „fatales Signal“.

Auch wenn sich die Wogen in Bonn glätten lassen – der Neid der Streicher auf die Bläser ist eine uralte Geschichte: Hört man sich unter Musikern um, wird hinter vorgehaltener Hand aufgerechnet, dass sich die Streicher bei jeder Probe von Anfang bis Ende abrackern müssten, während Bläser und Perkussionisten oft gar nicht erst anzutreten haben, weil ihre Instrumente in vielen Partituren nicht vorkommen. Dennoch galt bislang das ungeschriebene Gesetz, dass sich Violinisten zwar darüber beklagen, nicht aber gleich auf Gleichbehandlung klagen.

Der beste Kommentar zu der höchst unerfreulichen Debatte stammt von Christhard Gössling. Der Posaunist bei den Berliner Philharmonikern und Rektor der Berliner Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ zeigte im Gespräch mit dem Tagesspiegel Sinn für Satire: „Als Posaunist habe ich pro Konzert nur wenige Töne zu spielen, die aber über den ganzen Abend verteilt sind. Darum fordere ich, alle Töne am Anfang des Stücks sofort hintereinander spielen zu dürfen. Und dann gehe ich nach Hause.“

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