Welt : Gaumenfreuden: In vino veritas

Bernd Matthies

Ja, die langen Abende. Hell bis um halb elf, und wer sich an die alte Expertenregel hält, keinen Alkohol vor Anbruch der Dunkelheit zu trinken, lebt ohne Zweifel gesund. Doch dies ist hier nun wirklich nicht die Stelle, Enthaltsamkeit zu predigen; versuchen wir es lieber mit dem Hinweis auf einen rechtschaffenen Sommerwein, der die längsten Abende auf Balkon und Terrasse angenehm begleitet und sich auch am Morgen danach nicht unangenehm in Erinnerung bringt. Wenig Alkohol also wäre zu fordern, doch möglichst ohne Verzicht auf Frucht und Geschmack.

Unser Vorschlag: Weißburgunder. Weißburgunder? Das ist im Prinzip ein Wagnis, denn unsere Geschmackserwartungen wurden in den letzten Jahren durch mächtige, säurearme, oft zusätzlich vom Barrique geprägte Spätlesen aus der Pfalz und aus Baden geprägt, die sich zum sommerlichen Salat ausnähmen, als würde man eine Nuss mit dem Vorschlaghammer knacken. Aus dem kühleren Rheingau könnten theoretisch leichtere Varianten kommen, doch dort dominiert der Riesling. Der Hattenheimer Hans Lang ist einer der ganz wenigen Winzer, die dort Experimente mit anderen Rebsorten wagen; er hat sich für den Weißburgunder die weniger exponierten Lagen unten am Rhein ausgesucht und einen leichten, von erfrischender Säure und Hefetönen geprägten Stil entwickelt. Sein sehr sortentypischer, nach Birne und Heu duftender 1999er Weißburgunder QbA zeigt, dass die lange Wachstums- und Reifeperiode in dieser Gegend eben nicht nur dem Riesling zugute kommt, sondern auch anderen Reben viel Geschmack und Charakter verleiht. Die Flasche kostet 12,90 DM bei Wegehaupt in der Charlottenstraße 2 in Kreuzberg und der Kollwitzstraße 52 in Prenzlauer Berg. Prima für uns zu Hause - aber eigentlich müsste das auch ein Wein sein, wie ihn die anspruchsvolle Gastronomie als flexiblen Essensbegleiter sucht, zumal sie ihn zum überschaubaren Preis verkaufen kann.

Auch beim Rotwein diesmal kein "Blockbuster", keine "Granate" - oder wie sonst die Lieblingsbegriffe der Parker-Mafia heißen mögen. Spanien, gewiss, und damit eine Garantie für Ausdruck und Konzentration, aber keine Attacke, sondern elegante Verführung mit Würze. Dass unsere Wahl zunächst auf den Händler und dann auf den Wein fiel, hat einen einfachen Grund: Wein &Vinos, mit drei Geschäften in Berlin vertreten, ist auf immer bedeutenderen Düsseldorfer Fachmesse ProWein in diesem Jahr zum "Newcomer des Jahres" im deutschen Facheinzelhandel gewählt worden. Das ist der verdiente Lohn für vier Jahre gründlicher Pionierarbeit, durch die viele später hochgelobte Weine frühzeitig nach Berlin gekommen sind. Rund 620 Weine und Spirituosen umfasst das Angebot derzeit; besonderes Schwergewicht liegt derzeit auf der Suche nach preisgünstigen Alternativen zu Rioja und den für Normalverdiener ebenso ungemütlichen Nachbarregionen.

Navarra, die kleine Region um Pamplona an den Nebenflüssen des Ebro, bietet diese Alternativen - vor allem Rotweine, die die traditionellen Rebsorten und internationale Einflüsse interessant verbinden. Die 145 Jahre alte Bodega Camilo Castilla erzeugt neben raren süßen Moscatels vor allem Weine der Marke Montecristo. Die rote 1996er Crianza - 12 Monate in amerikanischer Eiche, 16 Monate auf der Flasche gelagert - ist eine Komposition aus drei Reben: 70 Prozent Tempranillo, 15 Prozent Cabernet Sauvignon und 15 Prozent Mazuelo. Absolut ausgewogen und doch eigenständig in der Aromatik zwischen dezent eingebundener Vanille, roten Früchten und etwas Minze, von kräftiger Würze und lang anhaltend. Wie die meisten Crianzas nach der Freigabe ist der Wein jetzt ohne Einschränkungen trinkbar, wird sich aber über die nächsten fünf Jahre noch entwickeln. Die Flasche kostet 14,80 DM und ist in den Wein & Vinos-Geschäften Knesebeckstraße 86/87 (Charlottenburg), Mittenwalder Straße 16 (Kreuzberg) und Clayallee 323 (Zehlendorf) zu haben. Info: www.vinos.de .

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