Gebetsrufe : Kairo will Krieg der Lautsprecher beenden

Kairo, die Stadt der tausend Minarette, will die Kakophonie der Gebetsrufe beenden. Der Plan der ägyptischen Regierung trifft jedoch nicht bei allen Gläubigen auf Zustimmung.

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Silhouette der ägyptischen Hauptstadt Kairo.Alle Bilder anzeigen
Foto: Katharina Eglau
24.08.2010 13:30Silhouette der ägyptischen Hauptstadt Kairo.

Im Rücken die Pyramiden, zu Füßen das flimmernde Kairo –  wer sich um die Mittagszeit bei den pharaonischen Weltwundern aufhält, kann ein akustisches Schauspiel der besonderen Art erleben. Das Gequäke und Gesumme, das sich um kurz nach zwölf aus den Häuserschluchten der 20-Millionen-Metropole erhebt, versetzt den Zuhörer in die WM-Stadien Südafrikas zurück: munter trompeten Allahs Vuvuzelas durcheinander. Aus 50.000 billigen Lautsprechern chinesischer Produktion steigt krächzend und pfeifend der muslimische Gebetsruf gen Himmel– die guten und die schlechten Sänger, die verfrühten und verspäteten – bis nach einigen Minuten der wundersame Klangteppich langsam wieder zur Ruhe kommt.

Fünfmal am Tag erschallt der so genannte Azzan über der „Stadt der tausend Minarette“, zum ersten Mal vor Sonnenaufgang, zuletzt spät in der Nacht. Die Regierung spricht inzwischen von einem  „Krieg der Lautsprecher“ und „totalem Chaos“. Sie will, dem Beispiel Syriens, der Türkei und den Vereinigten Arabischen Emiraten folgend, der „Kakophonie“ im Namen Gottes nach sechs Jahren Vorbereitung nun endgültig den Riegel vorschieben. Immer mehr Bürger hatten sich beim zuständigen Ministerium für religiöse Stiftungen beschwert, weil ihr lokaler Muezzin morgens um vier mit 130 Dezibel sein „Beten ist schöner als Schlafen“ durch die Häuserschluchten dröhnte.

 Alle 4000 Moscheen der Stadt sollen in den nächsten Wochen ihre Lautstärke spürbar drosseln und gleichzeitig an eine zentralen Gebetsruf von „Radio Groß-Kairo“ angeschlossen werden, den zwanzig handverlesene Scheichs im Wechsel bestreiten. Die Lautsprecher in den Häusern, müssen künftig ganz schweigen. Die Verstärker auf den Dächern sind oft größer als die etwa 45,000 Minigebetsräume im Erdgeschoss, Zawayas genannt, die den Hauseigentümer einen prächtigen Steuervorteil bescheren.

 Die Reform habe „das Wohlergehen der Anwohner im Auge, besonders der Kranken und der Schulkinder, die sich aufs Lernen konzentrieren müssen“, erklärte der zuständige Minister Mahmoud Zaqzouq, der in den sechziger Jahren in München über Religionsphilosophie promoviert hat. Sogar die alterwürdige Lehranstalt Al Ahzar wertete die Kairoer Praxis inzwischen als „Lärmbelästigung“. Für ihren neuen Chef Ahmad Mohammad Al-Tayyeb ist diese „Fixierung auf äußerliche Zeichen von Frömmigkeit eine Hürde auf dem Weg zu mehr Spiritualität und Innerlichkeit“.

 Doch der Kampf gegen das Sendungsbewusstsein per Phonstärke ist keineswegs gewonnen. Eigentlich sollte die staatlich verordnete Vereinheitlichung der Rufe zum Gebet am Anfang des Ramadan in Kraft treten. Inzwischen ist der Fastenmonat zwar halb vorbei, der Lärm aber ganz ungebrochen. In den wohlhabenden Stadtteilen Heliopolis und Garden City habe man bereits die Hälfte aller Moscheen angeschlossen, trat Vizeminister Salem Abdel-Galil allen Zweiflern entgegen und beteuerte, bis zum Ende des Jahres solle ganz Kairo folgen.

 Viele der 70.000 miserabel bezahlten Muezzine sind  jedoch entschlossen, die Initiative zu torpedieren. Sie fürchten um Ansehen und Arbeitsplatz, wenn sie künftig ihrer schönsten Pflicht beraubt sind. „Ich weiß von nichts, mit mir hat niemand darüber gesprochen“, sagt Scheich Ismail Nourmani, der der Moschee an der Nil-Corniche vorsteht. Für ihn ist sein täglicher Gebetsruf „heilige Pflicht“. Andere haben konservative islamische Gelehrte mobilisiert, so dass nun der übliche Streit tobt, wie es wohl der Prophet Mohammed gehalten hätte, wäre er noch auf Erden. Einzelne vertrauten gar lokalen Reportern an, bei dem Plan der Regierung habe in Wirklichkeit „Amerika die Hand im Spiel“. Auch der Teilzeit-Iman einer Zawaya nahe dem Fini-Platz in Dokki, der gleich zwei große Lautsprecher hoch oben an der Grenze zum Himmel betreibt, denkt gar nicht daran, künftig zu verstummen. Dass er morgens die gesamte Nachbarschaft für seine Handvoll Frühbeter aus dem Schlaf reißt, quittiert er nur mit grinsendem Achselzucken. Er rufe seit 25 Jahren und würde das gerne noch weitere 25 Jahre tun, wenn Allah ihm das vergönne. Und wem das nicht passe, meint er, der könne ja wegziehen.

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