Geburtstag : "Howgh" - Winnetou hat gesprochen

Pierre Brice wird am Freitag 80. Mit seiner Rolle hat er sich immer noch nicht angefreundet. Ein Anruf bei dem Schauspieler.

Hans-Hagen Bremer
Winnetou
"Manchmal denke ich, dass Winnetou meine Karriere rouniert hat". -Foto: dpa

Hella Brice, die Frau am anderen Ende der Telefonleitung, ärgert sich immer noch darüber, was da ihrem Mann, dem Schauspieler Pierre Brice, angetan wurde. „Das ist eine Gemeinheit.“ Und das ausgerechnet anlässlich seines 80. Geburtstages am Freitag. Im deutschen Fernsehen soll der Jubilar mit der Ausstrahlung alter Karl-May-Filme geehrt werden, durch die er in der Rolle des edlen Indianerhäuptlings Winnetou vor vierzig Jahren zum Star wurde. Die Medien bestürmen ihn auf seinem Landsitz in der Nähe von Paris mit Bitten um Interviews. Und nun das. „Manchmal denke ich, dass Winnetou meine Karriere ruiniert hat“, zitierte ihn die „Bunte“. „Das ist traurig, aber es ist die Wahrheit.“

Kann das sein? Der Mann, der Winnetou „eine Seele gab“, wie er selbst in seiner 2004 erschienen Autobiografie den Ausspruch eines Bewunderers wiedergibt, dieser Mann distanziert sich am Abend seines Lebens auf einmal von seinem Helden? „Nein“, ist eine Stimme aus dem Hintergrund zu vernehmen. Es ist Monsieur Brice. Er will nicht mit Reportern reden und hat seine Frau gebeten, mit dem Anrufer zu sprechen. „Mein Mann hat das nicht so gemeint“, übermittelt sie seine Antwort. In dem auf Deutsch geführten Interview habe er nicht das passende Wort gefunden für das, was er ausdrücken wollte. Was dann aber, aus dem Zusammenhang gerissen, von ihm zitiert wurde, das sei eine „richtige Gemeinheit“, zürnt sie.

In Deutschland hatte dieser eine Satz aus dem Interview sofort Schlagzeilen gemacht. Internetsurfer luden auf der Website der Illustrierten ironische Kommentare über den „ewigen Indianer“ ab, der doch „nie das Zeug für einen Bogart, Brando oder Newman“ gehabt hätte. In Frankreich blieb das strittige Zitat dagegen unbeachtet. Kein Wunder. Denn in seiner Heimat hat der zum Ritter der Ehrenlegion erhobene Brice kaum Fans, während er in Deutschland heute noch als Idol einer ganzen Generation gilt, die ihren Karl May nachts heimlich unter der Bettdecke verschlang und dann ihre romantischen Träume vom Wilden Westen im Kino nacherlebte.

Nach der Rückkehr 1951 aus dem In do chinakrieg, in den er als 19-Jähriger freiwillig gezogen war, hatte sich Pierre Louis le Bris, wie der Abkömmling einer bretonischen Adelsfamilie mit vollem Namen heißt, für den Schauspielerberuf entschieden. Er schlug sich zunächst mit Gelegenheitsjobs durch, bis er erste kleine Rollen in heute vergessenen Filmen erhielt. Der Durchbruch kam 1962, als ihn der legendäre Produzent Horst Wendlandt auf der Berlinale entdeckte und ihm anbot, den Winnetou zu spielen.

Er wurde auf einen Schlag berühmt, wollte aber nach der dritten Folge aufhören. Doch Wendlandt überredete ihn, weiterzumachen. Das Publikum verlange nach ihm. So schlüpfte er wieder ins Indianerkostüm. „Es war die Loyalität zum Publikum“, sagt seine Frau, „Geld hatte dabei keine Rolle gespielt.“ Am Ende wurden es elf Winnetou-Filme. Und ein wahrer Apachenstamm ernannte ihn zum „Regenbogenmann“.

Dass er nicht auch noch andere Rollen gespielt habe, mache ihn so wenig zufrieden wie einen Chirurgen, der nur Blinddärme operiert. Das habe Winnetou eben verhindert. „Ja, verhindert“, klingt es aus dem Hintergrund. Nach dem Wort habe er gesucht. Andererseits verdanke er aber seiner Popularität aus den Indianer filmen, dass er 1995 als Unicef-Botschafter die zwei Millionen Mark für den Hilfskonvoi zusammenbekam, den er unter abenteuerlichen Umständen selbst nach Bosnien führte: „Sieben Lkw, 35 Tonnen.“

Es ist bekannt, dass Pierre Brice sich anfangs beschwerte, weil er in den Filmen so wenig sprechen durfte. Es kostete einige Mühe, ihm begreiflich zu machen, dass Reden und übermäßige Schauspielkunst die Figur töten würde. Winnetou wirkt, weil er majestätisch auf einem Berg steht und ins Weite schaut. Oder auf einem Pferd reitet. Sein Wortschatz ist begrenzt. „Mein Bruder“, das sagt er oft. Oder: „Die Spuren führen in den Norden.“ Knappe, entschiedene Sätze und möglichst wenige, das war das Rezept. Winnetou – das war die Haltung eines gut aussehenden Mannes, mit einem Blick, der Frauen und Männer verzückte. Nicht auszudenken, wie die Rolle verspielt worden wäre, hätte man sie mit einem Charakterschauspieler besetzt, der dauernd etwas Wichtiges sagt. Pierre Brice ist der beste Winnetou-Schauspieler, den es gibt.

Was war das für eine Hysterie damals, die Polizei musste die Schlangen vor den Kinos ordnen, und das alles wegen Pierre Brice. Die Deutschen liebten ihn.

Pierre Brice ist Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse.

Er sei glücklich, lässt er seine Frau noch kurz am Telefon ausrichten. Er habe ein schönes Haus, eine süße Frau, die ihn liebe, und sei von seinen Tieren – drei Hunden, drei Schafen und Ziegen – umgeben. Und Pläne hat er auch noch. Er nehme eine CD auf, schreibe als Koautor an einem Drehbuch für einen TV-Film und habe ein Hörbuch aufgenommen, in dem zwei Kinder nach Winnetou suchen. Die Apachen lassen den Mann nicht los.

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