Welt : Gedenken an eine Gletscherbahn-Fahrt in den Tod

Paul Kreiner

Es war Samstag der 11. November vor einem Jahr, neun Uhr früh bei strahlendem Skiwetter. Die "Kitzsteingams" steht in der Talstation zur Fahrt auf den Gletscher bereit. Der Fahrer und 158 Skisportler sind im Zug; drei weitere springen über die geschlossene Schranke noch schnell hinein. Zehn Minuten später wollen sie auf der Piste sein, um 11.11 Uhr auf den Fasching anstoßen.

Doch nach zweieinhalb Minuten ist die Fahrt zu Ende. 600 Meter nach der Einfahrt in den 3,3 Kilometer langen, unbeleuchteten Tunnel kommt die Bahn zum Stehen. Aus dem unteren Führerstand quillt Rauch; rasend schnell greift das Feuer um sich. Die Türen lassen sich nicht öffnen; erst nach verzweifeltem Kampf gelingt es einem Deutschen, eine der elastischen Plexiglasscheiben mit dem Ski zu durchstoßen. Zwölf Menschen drängen, fallen, stürzen kopfüber hinaus. Sie retten sich über dreitausend Stufen der schmalen, 45 Grad steilen Treppe nach unten. Als der Fahrer begreift, was los ist, und endlich die Türen öffnet, stürmen die anderen aus dem Zug; sehen unten das Feuer, fliehen nach oben - und ersticken augenblicklich in dem zähen, giftigen Rauch.

Im entgegenkommenden zweiten Zug, dem "Gletscherdrachen", sterben der Fahrer und ein Passagier. Oben in der Bergstation schließen sich die Brandschutztüren nicht, der Rauch schießt mit solcher Wucht aus dem Tunnel, dass Skiständer umstürzen. Drei Menschen ersticken auf der Stelle.

So stark verbrennt die "Kitzsteingams", dass Fachleute mehr als ein halbes Jahr brauchen, um die Ursache für die Katastrophe zu ergründen. Nun schieben sich Betreiber, Zulieferfirmen und Behörden die Schuld gegenseitig zu. Auslöser der Katastrophe war den Ermittlungen zufolge ein haushaltsüblicher Heizlüfter im talseitigen Führerstand des Zuges. Unmittelbar hinter ihm waren die Schläuche für die Bremshydraulik verlegt; Öl aus diesen Schläuchen muss über längere Zeit heraus- und auch in den Heizlüfter gesickert sein. Dessen Ventilator blockierte, und die schon bei hundert Grad entflammbare Flüssigkeit brannte. Sie entzündete nachträglich eingebaute Bretter und ölgetränktes Dämmmaterial, die Flammen griffen auf den Kunststoff der Führerkabine über; der kaminartige Luftzug im Tunnel fachte das Feuer an; das Hydrauliköl explodierte; Minuten später brannte die Bahn.

Laut Gutachten hätte der Heizlüfter gar nicht in ein Fahrzeug eingebaut werden dürfen. In Kombination mit den Hydraulikschläuchen sei er eine "Zeitbombe" gewesen. Außerdem hätte der Zug aus schwer entflammbarem Material bestehen müssen, und die Genehmigung für das Plexiglas der Fenster sei schon 1994 beim Umbau der Bahn abgelaufen gewesen.

Schließlich hätten alle Kontrollen versagt. Der TÜV störte sich bei der letzten Überprüfung 1997 nicht an der Nähe von Heizlüfter, Hydraulikschläuchen und Dämmmaterial. Brandschutzuntersuchungen waren für österreichische Seilbahnen - als solche galt die Kapruner U-Bahn - nicht vorgeschrieben. Kein Beschäftigter der Gletscherbahnen hat offenbar das herausgesickerte Öl gesehen.

Etwa 15 Verdächtige müssen demnächst mit einer Anklage rechnen; wahrscheinlich wegen "fahrlässigen Herbeiführens einer Feuersbrunst". Darauf steht bis zu fünf Jahren Haft. Die Versicherung der Gletscherbahnen hat den Hinterbliebenen ein Schmerzensgeld angeboten, 14 000 Mark pro Person, erstmals in Österreich.

Im Auftrag der Gletscherbahnen führt der Psychotherapeut Peter Fässler-Weibel Angehörige durch den Unglückstunnel - ein dreistündiger Marsch über 5000 Stufen, aber eine Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Freitag kommt als letzte eine japanische Gruppe. Für jeden Toten ist dort, wo man die Leichen fand, ein Kreuz, ein Namensschild und ein Kerzenhalter im Fels befestigt.

Am Sonntag will die Stadt Kaprun gemeinsam mit den eigenen Trauernden und den angereisten Hinterbliebenen der Toten gedenken. "Aber am Montag", sagt der Tourismusdirektor, "starten wir wieder voll und ganz durch."

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