Welt : Gefährliches Pech

Freiwillige Helfer retten in einem Feldlazarett an der galicischen Küste das Leben von Möwen und Basstölpeln

Ralph Schulze[Pontevedra]

Trauer um die Trauerente. Nur noch matt zucken die Flügel. Der Kopf hängt schlapp herunter. Die Augen sind vor lauter schwarzem stinkenden Öl nicht zu sehen. Beine samt Schwimmflossen festgeklebt am Körper. Ein lebloser, pechschwarzer Klumpen, hilfloses Strandgut, wie es derzeit massenweise an den ölverseuchten Playas Galiciens, an der Westküste Spaniens, angetrieben wird. Und ein Drama, von dem sich, an der „Todesküste“ derzeit tausende abspielen.

Jedenfalls ein Notfall für das Feldlazarett „O Capinos", eine Art Krankenhaus für die gefiederten Opfer dieser wohl größten Ölkatastrophe in der spanischen Geschichte, ausgelöst vom Unglückstanker „Prestige". Ein wohl einmaliges Hospital, das eine internationale Vogelschutztruppe an der galicischen Küste, nahe der Stadt Pontevedra, in Windeseile und mit Behördenhilfe aufbaute. Vorläufige Endstation für (beinahe) hoffnungslose Fälle wie diese Trauerente, welche ohne Hilfe zum Sterben verurteilt ist.

Und der Versuch, die große Katastrophe mit kleinen guten Taten zu bekämpfen.

Der schwerverölte Patient liegt gerade auf dem Operationstisch. „Wir müssen den Kreislauf dieses total entkräfteten Vogels stabilisieren“, diagnostiziert Mike knapp und wischt vorsichtig das zähflüssige Öl aus den Augen dieses Pechvogels. Ängstlich starrt der Piepmatz seinen Retter an, der dem Schwerkranken zunächst die Temperatur misst und dann mit einer Miniinjektionsnadel Blut abnimmt. Mike ist einer der amerikanischen Tierärzte, die mit der fliegenden Einsatztruppe des Internationalen Vogel-Rettungs-Zentrums nach Galicien gekommen sind, um Leben in der Ölpest zu retten.

Dann schiebt der Vogeldoktor dem armen Geschöpf eine Magensonde in den Schnabel, lässt die Nährlösung langsam hineintropfen. „Die meisten dieser vergifteten Seevögel, haben schon tagelang nichts mehr gefressen", berichtet ein Helfer. Das Schweröl, das Gefieder und Gedärme verklebt, schlägt buchstäblich auf den Magen. Einige verhungern, doch die meisten erfrieren vorher. Denn schon der kleinste Ölfleck durchlöchert auf lebensgefährliche Weise den natürlichen Schutzwall des Federkleides, das im gesunden Zustand auch im kalten Atlantikwasser spielend die Körperwärme hält.

„Ein Ölfleck ist wie ein Loch im Luftballon", erklärt Stefan, der aus Hamburg zu der Vogel-Task-Force in Galicien gestoßen ist. Stefan Bräger ist hauptamtlich Kampagnenleiter der deutschen Sektion des Internationalen Tierschutz-Fonds, der das Feldlazarett zusammen mit dem in den USA stationierten Vogel-Rettungs-Zentrum auf die Beine stellte. Das galicische Umweltministerium stellte eine leer stehende Halle bereit, in der im Sommer die fliegende Waldfeuerwehr der Region logiert. 22 professionelle Helfer und mindestens noch einmal genauso viele Freiwillige, versuchen hier zu retten, was noch zu retten ist.

Im Aufenthalts- und Geräteraum der Feuerwehrmänner wurde die „Bettenstation“ eingerichtet. 260 gefiederte Geschöpfe ringen dort um ihr Leben: Basstölpel, Tordalken, Kormorane, Krähenscharben, Sturmtaucher, Möwen, einige der vom Aussterben bedrohten Trottellummen. „Fast alles sind Zugvögel aus den nördlich gelegenen Ländern, die hier im Atlantik überwintern wollten“, berichtet Stefan.

Schweißperlen stehen dem Notärzteteam auf der Stirn. Es ist heiß auf der Station, fast 30 Grad. Die leicht stechende Luft wird mit riesigen Föhnen angeheizt. Diese Wärme ist umso wichtiger, wenn die Seevögel aus der „Waschstation“ kommen, wo sie in einem öllöslichen „Spüli“-Schaumbad und mit Zahnbürste so gut es geht von der klebrigen Ölmasse befreit werden. Hunderte Vögel konnten Dank dieses Einsatzes bereits gerettet werden, rund ein Viertel stirbt auf der Vogel-Intensivstation.

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