Gefährliches Strahlungsniveau gemessen : Japan hebt Atom-Warnstufe wegen Leck in Fukushima deutlich an

Erstmals seit der Kernschmelze von 2011 wird eine derartige Warnung ausgesprochen. Laut Betreiber traten in Fukushima rund 300 Tonnen verseuchtes Wasser aus Auffangtanks aus. In der Region steigen indes die Krebsfälle bei Kindern.

Rund 300 Tonnen verseuchtes Wasser seien aus Auffangtanks ausgetreten, erklärte Tepco am Dienstag.
Rund 300 Tonnen verseuchtes Wasser seien aus Auffangtanks ausgetreten, erklärte Tepco am Dienstag.Foto: dpa

Wegen eines gefährlichen Lecks an einem Wassertank des havarierten Kernkraftwerks Fukushima hebt Japan die Atom-Warnstufe deutlich an. Die Krise soll auf der siebenstufigen internationalen Skala nun mit Stufe drei und damit als “ernsthafter Zwischenfall“ bewertet werden. Bisher lag sie lediglich auf Stufe eins (“Anomalität“), wie die Atomaufsicht des Landes am Mittwoch mitteilte. Eine Kommission werde die Warnung im Tagesverlauf offiziell in Kraft setzen. Es ist das erste Mal seit der Kernschmelze nach dem Erdbeben 2011, dass Japan eine derartige Warnung ausspricht.

Die Aufsicht äußerte sich zudem besorgt darüber, dass möglicherweise weitere Lecks an den Speichertanks auftreten könnten, die nach dem Unglück rasch gebaut wurden. Am Dienstag hatte AKW-Betreiber Tokyo Electric Power (Tepco) eingeräumt, dass hochgradig verseuchtes Wasser aus einem Tank ausläuft. Das Leck ist immer noch nicht verschlossen. Das Wasser ist nach Angaben der Atomaufsicht so stark verseucht, dass ein Mensch, der sich unmittelbar daneben aufhält, innerhalb einer Stunde das Fünffache der Strahlung abbekommt, die für AKW-Mitarbeiter innerhalb eines Jahres als gerade noch zulässig gilt. Nach zehn Stunden treten erste Anzeichen der Strahlenkrankheit auf wie Übelkeit und ein Rückgang der weißen Blutkörperchen.

Mehr Krebsfälle bei Kindern diagnostiziert

Die Atomaufsichtsbehörde NRA ordnete eine Untersuchung an, um festzustellen, ob radioaktiv verseuchtes Wasser durch Abflussrohre in den Pazifik gelangt ist. Tepco gab zu, dass auch das Grundwasser verseucht werden könnte. Bisher seien die Strahlenwerte außerhalb der Anlage aber unverändert. Laut Tepco wird der Inhalt des beschädigten Wassertanks in unversehrte Tanks gepumpt. Zudem werde radioaktiv verseuchter Boden und ausgetretenes Wasser entfernt. Tepco kämpft seit dem Unglück vor knapp zweieinhalb Jahren mit riesigen Mengen radioaktiv kontaminierten Wassers, das zu Kühlungszwecken an den beschädigten Reaktoren eingesetzt wird.

Gut zweieinhalb Jahre nach dem Atomunfall von Fukushima ist die Zahl von dort lebenden Kindern mit Schilddrüsenkrebs weiter gestiegen. Wie der japanische Fernsehsender NHK berichtete, wurde bei Untersuchungen von Kindern, die zum Zeitpunkt des Unfalls 18 Jahre oder jünger waren, bei sechs weiteren Kindern Schilddrüsenkrebs diagnostiziert. Damit stieg die Zahl der Krebsfälle unter Kindern auf 18. Ob jedoch der GAU im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ursächlich für die Krebserkrankungen sei, könne zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mit Bestimmtheit gesagt werden, erklärte ein Untersuchungskomitee der Präfekturverwaltung von Fukushima. Die Präfekturverwaltung will die Schilddrüsen aller in der Region lebenden Kinder, die zum Zeitpunkt des Atomunfalls vom 11. März 2011 im Alter von 18 Jahren oder jünger waren, untersuchen
lassen. Das sind etwa 360 000 Kinder. Bis Ende vergangenen Monats wurden davon 210 000 Kinder untersucht, berichtete NHK. Neben den bisher 18 diagnostizierten Krebsfällen bestehe bei 25 Kindern ein
„Verdacht“ von Krebs, zehn Kinder mehr als bisher.

In dem Atomkraftwerk Fukushima war infolge eines Erdbebens und eines Tsunamis Mitte März 2011 das Kühlsystem ausgefallen, woraufhin es in mehreren Reaktoren eine Kernschmelze gab. Zwar gab es infolge des Unglücks offiziell keine Toten, doch musste das Gebiet im Umkreis des Kraftwerks evakuiert werden. Noch immer können zehntausende Menschen nicht in ihre Häuser zurück. Die Reaktorkatastrophe war das folgenschwerste Atomunglück seit dem Unfall im ukrainischen Tschernobyl im Jahr 1986. (rtr,AFP,dpa)

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