Gefängnis-Hotel : Häftlinge bleiben lieber drinnen als draußen

Viele gefasste Straftäter in Großbritannien verzichten darauf, unter Auflagen in die Freiheit entlassen zu werden. Im Knast kommen sie billiger an Drogen und Satellitenfernsehen gibt es auch.

Hannes Heine[London]
Ortstermin Foto: dpa
Ortstermin. Der britische Oppositionsführer David Cameron machte sich im vergangenen März im Gefängnis Wandsworth im Süden Londons...Foto: dpa

Billighotel oder Horroranstalt? In Großbritannien wird derzeit heftig über die Zustände in den Gefängnissen debattiert: Die britischen Knäste sind voll, Insassen und Aufseher stehen unter Stress, vielerorts greifen sich Häftlinge in überbelegten Zellen gegenseitig an – oder attackieren Wachleute. Umso merkwürdiger ist, was das Justizministerium jetzt bekannt gegeben hat: Zwischen 1999 und 2006 haben mehr als 37 000 Häftlinge darauf verzichtet, unter Auflagen in die Freiheit entlassen zu werden, sie wollten lieber in ihrer Strafanstalt bleiben.

Die Briten sind verwundert, die Gewerkschaft der Gefängnisaufseher aber hat eine einfache Erklärung: Drogen seien in den meisten 160 britischen Haftanstalten derzeit billiger als auf den Straßen britischer Städte. Untersuchungen hatten ergeben, dass bis zu 30 Prozent der Insassen regelmäßig Drogen nehmen. Und wen in Freiheit ohnehin nicht mehr erwartet als Arbeitslosigkeit und Armut, der könne auch gleich drinnen bleiben, sagen Bewährungshelfer. Das Justizministerium kontert, viele Insassen würden von vornherein keinen Antrag auf Haftentlassung stellen, weil sie sich selbst als gefährlich einstuften und somit keine Chance sähen, auf Bewährung entlassen zu werden.

Wärter kämpfen um angemessene Löhne

Dass zahlreiche Häftlinge auf eine vorzeitige Entlassung verzichten und ihre Haftstrafe ganz absitzen, stößt im Königreich auf Unverständnis. "Herbergen mit Bed & Breakfast" wurden die britischen Gefängnisse kürzlich in der konservativen Zeitung "Times" genannt. Die Gewerkschaft der Gefängnisaufseher beschwert sich darüber, dass es in den Zellentrakten zwar Satellitenfernseher gebe, die Justizangestellten aber um angemessene Löhne kämpfen müssten.

Weniger Sorgen um ihr Einkommen müssen sich offenbar Drogendealer und Callgirls machen: In den vergangenen fünf Jahren sind 42 Personen entdeckt worden, die in eines derjenigen Gefängnisse eindringen wollten, in denen keine Schwerstkriminellen untergebracht sind und die deshalb tagsüber leichter zugänglich sind. Die Einbrecher wollten dort wahrscheinlich Kunden mit Drogen und Sex bedienen, wird in britischen Medien vermutet. Oppositionspolitiker Nick Herbert, im konservativen Schattenkabinett für Justiz zuständig, spricht angesichts der Berichte des Justizministeriums empört von „eklatantem Missmanagement“ der Labour-Regierung. Premier Gordon Brown musste zuletzt wegen der anhaltenden Jugendgewalt in Englands Großstädten deutliche Kritik einstecken.

Zahl der Gefängnisinsassen steigt

Das britische Rechtssystem gilt eigentlich als nicht zimperlich: Rund 3000 Jugendliche unter 16 Jahren sitzen hier in den Knästen, in Deutschland sind es weniger als 100. Strafmündig sind im Königreich schon zehnjährige Kinder, in Deutschland muss man dazu mindestens 14 Jahre alt sein. Die Zahl der Gefängnisinsassen auf der britischen Insel steigt kontinuierlich an und lag im vergangenen Jahr bei 83 000 Häftlingen. Fast 140 Personen pro 100 000 Einwohner leben in Großbritannien hinter Gittern. In Deutschland sind es 96, in den USA allerdings mehr als 700.

Am heutigen Montag treten Vertreter der Polizeigewerkschaften, der Bewährungshelfer und der Gefängnisaufseher erstmals gemeinsam vor einem Parlamentsausschuss auf. Sie fordern mehr Personal, höhere Löhne und das volle Recht auf Streik. Weil die Labour-Regierung sowohl in der Verbrechensbekämpfung als auch in der Sozialpolitik in ihren Augen kaum Fortschritte vorweisen kann, suchen Gewerkschafter schon jetzt auch das Gespräch mit den Konservativen. Denn wenn Premier Brown so weitermache, argumentieren sie, seien ab 2009 sowieso die Konservativen an der Macht.

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