Welt : Gefängnisrevolte: "Die Neuerfindung der Hölle"

Bei der bislang größten Gefängnisrevolte in der brasilianischen Geschichte sind im Bundesstaat Sao Paulo elf Menschen getötet worden. Bei den meisten Opfern handele es sich um Häftlinge, die von ihren Mitgefangenen ermordet wurden. Die Meuterei hatte am Sonntag gleichzeitig in 23 Gefängnissen begonnen. In der Haftanstalt Carandiru hielten die Gefangenen am Montag noch 5000 Geiseln fest. Nach Angaben der Polizei wurde der Aufstand von der kriminellen Häftlingsgruppierung PCC organisiert, nachdem zehn ihrer Anführer am Freitag von Carandiru in andere Gefängnisse verlegt worden waren.

Am Montag hatten die revoltierenden Häftlinge noch acht Gefängnisse unter ihrer Kontrolle. Die Verhandlungen zwischen Häftlingen und Behörden wurden in der Nacht zum Montag vorübergehend ausgesetzt. Insgesamt hatten sich rund 15 000 Gefangene an der Revolte beteiligt. Der Aufstand war gut organisiert: Die Häftlinge verständigten sich mit Handys und waren schwer bewaffnet.

In dem größten lateinamerikanischen Gefängnis Carandiru mit rund 9700 Insassen vermutete die Polizei rund 5000 Geiseln, unter ihnen etwa 1000 Kinder. Sie hatten Verwandte oder Freunde besucht. Nach Angaben eines AFP-Journalisten vor Ort wurden nach und nach einige Dutzend Geiseln freigelassen. Viele Angehörige weigerten sich, das Gefängnis zu verlassen, weil sie ein gewaltsames Vorgehen der Polizei gegen die meuternden Häftlinge befürchteten. Fernsehberichten zufolge stieg den ganzen Nachmittag über Rauch aus dem Gefängnis auf. Auf Spruchbändern war "Frieden", "Gerechtigkeit" und "Freiheit" zu lesen. Auch Schüsse waren zu hören. Carandiru war 1992 Schauplatz einer blutigen Schießerei: Nach einem Streit zwischen Häftlingen hatte die Polizei den Komplex gestürmt und binnen einer halben Stunde 111 Insassen getötet und weitere hundert verletzt.

Im Bundesstaat Sao Paulo sitzt die Hälfte aller brasilianischen Häftlinge ein. Die katholische Kirche spricht von 196 000 Insassen. Hauptursache für ständige Revolten ist die Überbelegung der Zellen: Durchschnittlich 2,5 Häftlinge teilen sich eine Ein-Mann-Zelle. Das Anti-Folter-Komitee der Vereinten Nationen hatte die Situation der Häftlinge in brasilianischen Gefängnissen im September in einem Untersuchungsbericht als "erschreckend" bezeichnet. Die in den Medien veröffentlichten Foltervorwürfe gegen einige Gefängnisse seien nur "die Spitze des Eisbergs", hieß es.

Der Menschenrechtsausschuss des brasilianischen Parlaments sprach von einer "Neuerfindung der Hölle". Willkürliche Einzelhaft und Prügelstrafen, Schusswechsel zwischen Insassen und Aufsehern, Mord, Folter, Hunger und Dreck gehörten zum Alltag in den Haftanstalten, hieß es in einer Studie. 80 Prozent der Häftlinge seien Analphabeten und hätten in den Gerichtsverfahren keinen Verteidiger gehabt.

Keine Gnade mit Verrätern

Hinter der Gefängnisrevolte steht nach Angaben der Behörden die kriminellen Häftlingsgruppierung PCC - das "Erste Kommando der Hauptstadt". Die laut Schätzungen rund 5000 Mitglieder werden von der Polizei als höchst gefährlich eingestuft. Viele von ihnen sitzen wegen Drogenhandels oder Bankraubs im Gefängnis, der mutmaßliche Anführer Idemir Arosio wurde zu 160 Jahren Haft verurteilt.

Die PCC-Aktivisten sind bestens ausgestattet: Sie verfügen über Waffen und verständigen sich zwischen den Haftabstalten mit Handys. So gelang es ihnen, den gleichzeitigen Aufstand in 23 Gefängnissen im Bundesstaat Sao Paulo zu organisieren.

Das PCC kontrolliert den Drogenhandel in den Gefängnissen. Wer sich der Gruppierung nicht anschließen möchte, muss Schutzgeld zahlen. Rivalen werden umgebracht. Auch für Mitglieder gelten rigide Regelungen. Die Aufnahme wird mit einem festgeschriebenen Ritual besiegelt. Der Neuling muss die PCC-Statuten unterzeichnen und sich in einen Finger schneiden. Jeder Verrat wird mit dem Tod bestraft.

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