Welt : Gefahr für die Sorglosen

250 Schwule wurden 2001 in Deutschland mit dem HI-Virus infiziert. Zwei Jahre später sind es 350. Werden die Jungen unvorsichtig?

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Im Jahr 2001 war mit etwa 250 HIVDiagnosen bei homosexuellen Männern in den Großstädten Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt/Main ein Tiefstand erreicht. In den beiden folgenden Jahren aber stieg die Zahl wieder deutlich an: Etwa 350 Neumeldungen sind für die Gruppe, die die Mediziner sachlich als MSM (für: Männer, die Sexualkontakte mit Männern haben) bezeichnen, im Jahr 2003 zu verzeichnen. Im aktuellen Bulletin des Berliner RobertKoch-Institut(RKI), bei dem die Zahlen über meldepflichtige Infektionskrankheiten zusammenlaufen, steht diese Meldung an erster Stelle.

Die Zunahme des Anteils der MSM an den positiv Getesteten betrifft vor allem die Großstädte mit über einer Million Einwohnern. In Berlin treffen drei von vier Neudiagnosen einen schwulen Mann. Auch in mittleren Großstädten wie Hannover, Nürnberg oder Mannheim hat die Zahl der positiven HIV-Tests unter Schwulen zugenommen, wenn auch auf niedrigem Niveau.

Sind die Männer unvorsichtiger geworden? Einen Hinweis in diese Richtung liefert die Wiederkehr klassischer Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Gonorrhö (Tripper) in allen größeren Städten Westeuropas und Nordamerikas. Doch die Experten mahnen zur Vorsicht – auch bei der Herstellung solcher Zusammenhänge. Denn es gibt eine Diskrepanz zwischen dem drastischen Anstieg der Syphilis-Fälle und dem insgesamt bisher doch nur mäßigen Anstieg der HIV-Meldungen. Eine mögliche Erklärung: „Die Übertragungswege für HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen wie die Syphilis oder die Gonorrhö sind nur teilweise überlappend.“

Das heißt: Die klassischen Geschlechtskrankheiten werden auch bei Oralverkehr übertragen, der im Hinblick auf HIV als nicht so gefährlich gilt. Nicht jeder, der sich mit einer dieser Krankheiten infiziert, riskiert bewusst auch eine HIV-Infektion.

Der Kondomabsatz ist nur ein unsicherer Indikator für verändertes Risikoverhalten von Schwulen. Denn damit schützen sich bekanntermaßen auch Heterosexuelle – nicht nur vor HIV. Immerhin sind die Zahlen, die die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) jährlich ermittelt, auffällig: Wurden im Jahr 2001 noch 201 Millionen Kondome verkauft, so waren es 2003 nur noch 189 Millionen.

Dass das Risikoverhalten vor allem bei jungen Schwulen einer differenzierteren Deutung bedarf, zeigt aber auch die aktuelle Studie „Aids – Wie leben schwule Männer heute“, die im Auftrag der BzgA von Forschern des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung erarbeitet wurde. Weil sie ihren Fragebogen ins Internet stellten, haben sie vor allem viele junge Männer erreicht. 30 Prozent der ganz jungen Schwulen unter 20 gaben hier an, überhaupt keinen Analverkehr zu haben.

Ungeschützt kommt er deutlich häufiger mit dem festen Freund vor, und dabei gehen auffallend viele unter 25-Jährige ein Risiko ein, weil sie nicht wissen, ob er infiziert ist. Die Berliner Wissenschaftler empfehlen, die Prävention auf diese Erkenntnisse abzustimmen.

Die Experten beim RKI erkennen in der Szene aber auch einen Trend zur häufigeren Testung: „Viele sexuell aktive MSM lassen sich (mehr oder weniger regelmäßig) auf eine HIV-Infektion testen und kennen daher den eigenen HIV-Serostatus.“

Diese Information spiele dann eine wichtige Rolle bei der Entscheidung für oder gegen „Safer Sex“. „Bei Kontakten zwischen Personen mit dem selben HIV-Status wird eher auf die Verwendung von Kondomen verzichtet.“

Der Umgang mit HIV ist anders geworden, seit eine Infektion nicht mehr unweigerlich Aids bedeutet. „Wir haben es mit einer Generation von schwulen jungen Männern zu tun, die das Entsetzen der frühen Jahre nicht mehr aus eigenem Erleben kennen“, sagt Kai-Uwe Merkenich (43), Geschäftsführer der Berliner Aids-Hilfe.

Merkenich, der seit 20 Jahren auf dem Gebiet arbeitet, ergänzt: „Dazu kommt die Bagatellisierung der Aids-Erkrankung aufgrund der besseren Behandelbarkeit.“ Die modernen Mehrfachtherapien halten das HI-Virus oft lange Zeit in Schach und sorgen dafür, dass die wichtigen T-Helferzellen nicht zu weit absinken.

Ganz und gar stoppen können sie das Retrovirus allerdings nicht. Der Preis sind zudem oft ausgesprochen lästige Nebenwirkungen. Die Aufklärung gleicht einer Gratwanderung: Einerseits will man dazu motivieren, den Test zu machen. Das geht nur mit Hinweis darauf, dass HIV seinen Schrecken verloren hat. Andererseits soll aber auch das Risikobewusstsein geschärft werden. Dazu gehört wiederum der Hinweis, dass auch heute noch das Leben unter einer Therapie extrem anstrengend ist.

Gebraucht werden Konzepte für die verschiedenen „Subszenen“ – auch für die Clubszene. „Wir müssen das Partyvolk eigens ansprechen, in Discos und auf Sexpartys präsent sein“, sagt Merkenich.

Werden zunehmend Jüngere infiziert? In der Beratungstätigkeit sieht er altersmäßig einen deutlichen Sprung nach unten: Waren 2001 nur etwa fünf Prozent der Ratsuchenden zwischen 20 und 30, so sind es heute schon um die 40 Prozent. „Vereinzelt kommen auch Jugendliche unter 20, die einen positiven Test hatten.“

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