Welt : Gefahr von überall

Kalifornien ist nahezu machtlos gegen die völlig unberechenbaren Feuer – die Hoffnungen richten sich auf einen Wetterumschwung

Christoph von Marschall[Washington]

Trotz des Einsatzes von mittlerweile 6000 Feuerwehrleuten sowie unzähligen Löschflugzeugen und Löschhelikoptern ist die Brandkatastrophe in Südkalifornien weiter außer Kontrolle. Solange die Santa-Ana-Winde von Osten wehen, werden die Feuerwehren die Brände wohl nicht unter Kontrolle bekommen. Laut Wetterbericht flauen diese Winde allmählich ab. Bis zum Wochenende soll sich die Wetterlage ändern. Dann sind feuchte Winde vom Westen, vom Pazifik her, angesagt. Vorerst bleibt die Sorge, ob es gelingt, die Städte und Siedlungen im Küstenstreifen am Pazifik so lange davor zu bewahren, dass die Brände, die im östlich angrenzenden Bergland wüten, auf die Wohngebiete überspringen. Oder dass sie auf das kaum besiedelte hügelige Küstenland südlich und nördlich San Diegos übergreifen und die Großstadt einschließen.

Auf Notrufe einzelner Hausbesitzer reagieren die Behörden schon lange nicht mehr. Sie können nur die Anwohner bedrohter Siedlungen zur Flucht auffordern und sich bemühen, Wohngebiete durch Feuerschneisen vor dem Übergreifen der Flammen zu bewahren. Allerdings bewegen sich Feuer und Winde nach Augenzeugenberichten mit unvorstellbarer Geschwindigkeit und wechseln dabei auf unvorhersehbare Art die Richtung. Die Bilder betroffener Siedlungen lassen keine nachvollziehbare Regel erkennen. Neben Anwesen, die bis auf die Grundmauern niedergebrannt sind, stehen Häuser, die unversehrt scheinen.

Auch das bestätigen Augenzeugen. Die Feuer fressen sich nicht systematisch am Boden vorwärts und vernichten alles, was ihnen im Weg liegt. Sondern sie springen über hunderte Meter durch die Luft, setzen Häuser in Brand, die in sicherer Entfernung zu liegen schienen, aber verschonen Anwesen im Raum dazwischen.

Kaliforniens Bürger bewegen gemischte Gefühle. Sie sind zufrieden mit der zupackenden Reaktion von Regierung und Verwaltung. Sie sind stolz auf die Selbsthilfe der Gesellschaft. Aber sie fühlen sich ohnmächtig gegenüber den Naturgewalten. „Niemand geht besser mit Katastrophen um als Kalifornien“, lobt David Paulison, der Entsandte des zentralen Katastrophenschutzamtes Fema. Geschäftsleute spenden Nahrung, Betten, Decken. Geflüchtete preisen die Nachbarschaftshilfe vor dem Aufbruch sowie nun den Zusammenhalt und Informationsaustausch über Internetblogs. „Es ist eine ganz andere Lage als nach Hurrikan ,Katrina’“, sagt Zell Evans, Feldwebel der Nationalgarde, der 2005 in New Orleans aushalf und nun in Kalifornien im Einsatz ist.

Allerdings wird auch Kritik an der Siedlungspolitik der jüngsten Jahre laut. Angesichts des Wirtschaftswachstums und des boomenden Immobilienmarkts in den Großräumen Los Angeles und San Diego seien Neubausiedlungen im hügeligen Hinterland genehmigt worden, obwohl bekannt war, dass in diesen Gegenden die Brandgefahr groß ist. Das belegt eine Studie der Universität von Wisconsin. Ihr Autor, Mike Davis, sagt: „Es ist ungefähr so, als würden sie direkt neben einem leckenden Benzintank bauen.“

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