Welt : Gefahren: Bedrohte Arten (Glosse)

Michael Schornstheimer

Ich fühle mich bedroht. Seit Wochen. Seit Monaten. Nein, ich leide nicht unter Verfolgungswahn. Ich werde nicht erpresst. In meinem Briefkasten stecken keine Briefe aus aufgeklebten Buchstaben mit horrenden Lösegeldforderungen. Nur ein paar harmlose Tageszeitungen. Das reicht. Jeden Morgen lese ich zitternd deren Überschriften. Allüberall lauern die schlimmsten Gefahren: Noch vor zwei Wochen drohte eine riesige Rückreisewelle. Und bei jeder Rückreisewelle drohen den Urlaubern Staus ungekannten Ausmaßes. Wer nicht in der Blechlawine umkommt, den könnte es beim nächsten Unwetter erwischen, drohen doch neue Wolkenfelder, ersatzweise Regen- und Gewitterfronten. Oder man geht baden, an der Börse. Von dort melden gut gekleidete Hiobsboten, dass dem deutschen Aktienindex DAX - kaum hat er einmal ein paar Punkte zugelegt - schon wieder böse Kursverluste drohen. Die schönste Drohgebärde gelang - schon vor geraumer Zeit - übrigens einer Schlagzeile des Tagesspiegels: "Bahn droht Gewerkschaft mit Schadensersatz".

Auch dem Literarischen Quartett hatte im Sommer das Aus gedroht. Und die Neuigkeiten aus der Expo-Stadt Hannover lesen sich auch nicht viel besser. Bedroht zunächst von anhaltendem Besucherrückgang, drohten sodann finanzielle Einbußen bis hin zur Pleite. Ernst August Prinz von Hannover scheint gegen solche Gefahren gefeit, obwohl ihm wegen Körperverletzung Millionen-Strafgelder drohen sollen. Der bemitleidenswerte Reemtsma-Entführer Thomas Drach könnte solche Summen ebenfalls leicht bezahlen. Aber er darf nicht. Ihm droht nach seiner Auslieferung in die Bundesrepublik die Höchststrafe von 15 Jahren Gefängnis. Etlichen Neonazis geht es nicht viel besser: Ihnen droht, heißt es - die einstweilige Verhaftung. Verdienen sie also unser Mitgefühl? Ebenso wie die kleine NPD, die sich von einem Partei-Verbot bedroht sieht? Selbst die einstmals mächtige CDU gehört inzwischen zu den bedrohten Arten. Mit jedem weiteren Ermittlungsverfahren, das ihrem ehemaligen Ehrenvorsitzenden Helmut Kohl droht, drohen ihr neue Stimmungstiefs. Nicht zu reden von den sonstigen CDU-Honoratioren, die sich in die Finanzaffäre verwickelt sehen und denen nur deshalb eine Enthüllung nach der anderen, nein - nicht bevorsteht, sondern "droht". Bei so viel Gefahr sollten die Betroffenen eine Schutzgemeinschaft gründen. GdubO: Gesellschaft der unschuldig bedrohten Opfer. Ehrenvorsitz: Dr. Helmut Kohl.

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