Welt : Gefangen in der Erbsensuppe

Chaos auf Straßen und Flughäfen: Der Nebel vermiest den Briten das Weihnachtsfest

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Das Wort „pea soup“ war fast schon aus dem britischen Wortschatz gestrichen. Man isst kaum noch Erbsensuppe auf der Insel, und auch der schmutzige Smognebel, der in den fünfziger Jahren London einhüllte und den gleichen Namen trug, ist längst besserer Luft gewichen. Am Freitagvormittag aber verkündete BBC-Wettermann Chris Fawkes mit elegantem Understatement: „Die Erbsensuppe über der Insel wird wohl bis Weihnachten bleiben und uns ein paar Probleme bereiten.“

In London betrug die Sichtweite auch am Freitag teilweise unter 200 Meter. In Heathrow lag sie in den letzten drei Tagen kaum je über 500 Meter. 600 Meter ist das Minimum für den Flugverkehr, andernfalls müssen die Minutenabstände, in denen die Flieger auf Europas größtem Flughafen starten und landen, verdoppelt werden. Und das bedeutete am Freitag, dass viele Menschen Weihnachten nicht dort feiern werden, wo sie wollen.

Gestern strich British Airways am dritten Tag in Folge sämtliche Inlandsflüge. Auch zahlreiche Europaflüge fielen aus. Betroffen sind zwischen 40 000 und 70 000 Menschen am Tag. Die Flughafenverwaltung stellte beheizte Notzelte auf, warmer Tee und Kekse werden gereicht. Die Menschen sitzen auf Koffern, liegen auf dem Boden und hoffen, dass sie auf einen anderen Flug umgebucht werden.

Knut Sommersfelt, ein norwegischer Student, war auf dem Weg von Oslo nach Caracas, als er am Mittwoch im Nebel stecken blieb. Napil Berry wollte zur Hochzeit seiner Schwester nach Stockholm und saß stattdessen auf einer Decke im Flughafengebäude. „Versuch es wenigstens bis Weihnachten“, schrieb ihm seine Schwester per SMS.

Der Zug Eurostar, der von London aus durch den Kanaltunnel nach Brüssel und Paris fährt, macht derweil beste Geschäfte. Auch Busunternehmen karren Fluggäste zu den britischen Fährhäfen oder schicken Inlandsfluggäste in gecharterten Bussen auf die Autobahn. Dort machen allerdings Staus und Auffahrunfälle das Chaos perfekt. „Der Zugverkehr arbeitet wie ein Uhrwerk“, freut sich der Bahnhofsvorstand der Euston Station. Passagiere kämpften dort wie Löwen um die letzten Sitze, die für die Fahrt nach Nordengland und Schottland noch erhältlich waren.

Flugexperten wissen, dass nicht nur der Nebel schuld ist. Heathrow, Europas mit Abstand größter Flughafen, hat weniger Start- und Landebahnen als viele kleinere Konkurrenten. Fast 36 Millionen Passagiere nutzen jährlich die internationale Drehscheibe für den Flugverkehr. 2008 wird in Heathrow das fünfte Großterminal gebaut, doch über die dringend erforderliche dritte Landebahn wird seit Jahren gestritten.

Neben der Angst vor einem verpatzten Weihnachtsfest treibt die Briten zurzeit allerdings noch eine viel ernstere Furcht um. Scotland-Yard-Chef Ian Blair erneuerte gestern eindringlich seine Terrorwarnung. Zwar lägen keine konkreten Anhaltspunkte vor, doch das Risiko eines weiteren Anschlags sei „ohne Parallele“, erklärte Blair. „Weihnachten ist eine Zeit, in der es passieren könnte“.

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