Welt : Gefangen in ihren Erinnerungen

Die heute 18-Jährige soll vor der Öffentlichkeit geschützt werden und hält sich an einem geheimen Ort auf

Markus Huber[Wien]

Gleich nach dem ersten Treffen mit Natascha zog Brigitta Sirny los, um für ihre Tochter Kleidung zu kaufen, Schuhe, Zahnbürsten und Toilettenartikel. Natascha Kampusch, die 18-jährige Frau aus Wien, die von ihrem Entführer Wolfgang Priklopil acht Jahre lang in einem Verlies in der Nähe von Wien gefangen gehalten worden war, soll wieder schonend ins Leben zurückgeführt werden.

Unter Tränen erzählte Brigitta Sirny von der ersten Begegnung mit Natascha bei der Polizei: „Natascha ist mir um den Hals gefallen und hat gesagt: ,Mama-Mausi‘.“ Sie habe ihre Tochter an ihrer Art, an ihrem Gesicht erkannt, berichtete Sirny im Fernsehsender ORF weiter. „Das vergisst man nicht. Ich hätte sie in 20 Jahren auch noch erkannt.“ Auch mit dem Vater, Ludwig Koch, gab es ein bewegtes Wiedersehen. „Mein Papa, ich hab dich lieb“, habe Natascha ihn begrüßt, berichtete Koch dem „Kurier“.

Zurzeit wohnt Natascha Kampusch in einem Hotel, eine Polizistin und eine Psychologin sind rund um die Uhr bei ihr. Die geschiedenen Eltern, Brigitta Sirny und Leopold Wolf, können sie jederzeit besuchen, aber ansonsten wird das Mädchen versteckt. Es ist nicht einmal bekannt, ob sie in einem Wiener Hotel ist oder doch irgendwo anders in Österreich. Natascha brauche jetzt Ruhe, heißt es, und deswegen geht die Polizei auch besonders sorgsam mit ihr um.

In ersten vorsichtigen Vernehmungen nach ihrem Entkommen am Mittwoch sagte Natascha Kampusch Medienberichten zufolge, Priklopil sei stets freundlich gewesen. Sie glaube, dass es sich bei ihrem Entführer um einen Verbrecher handele, aber: „Der Wolfgang war immer lieb zu mir“, zitiert die „Kronen Zeitung“ die 18-Jährige.

Die Ermittlungen werden lange dauern, sagt ein Wiener Ermittler, „eigentlich gibt es nur zwei Personen, die uns sagen können, was sich genau abgespielt hat. Einer davon steht für eine Befragung nicht mehr zur Verfügung, und die andere braucht noch Zeit.“ Also bleiben noch viele Fragen ungeklärt. Hatte Priklopil die Entführung wirklich alleine geplant oder gab es Mittäter? Eine Augenzeugin hatte im März 1998 berichtet, sie hätte gesehen, wie Natascha von zwei Männern in einen weißen Kastenwagen gezerrt worden sei. Ein Teil ihrer Aussage – der weiße Wagen – ist mittlerweile verifiziert, und an den zweiten Entführer glaubt die Frau heute noch. Die Polizei ermittelt derzeit in diese Richtung.

Warum wurde ausgerechnet Natascha entführt? Natascha erzählte, dass es Priklopil genau auf sie abgesehen und ihr gegenüber gesagt hatte, hätte er sie nicht an diesem Tag erwischt, dann wäre es ihm an einem anderen Tag gelungen.

Was waren seine Motive? Zu dieser Frage gibt es bisher nur Spekulationen. Der Kriminalpsychologe Thomas Müller charakterisiert Priklopil, der sich noch am Mittwochabend selbst tötete, als „hochgradig sadistischen Täter“, der alles darauf angelegt habe, sich eine Sklavin zu halten. Entführer wie Priklopil wollten sich eine Bezugsperson schaffen, die sie nach eigenem Willen formen und die ihnen nicht davonlaufen kann, sagte Müller.

Wurde Natascha von ihrem Entführer sexuell missbraucht? Nach Angaben der Polizistin Sabine Freudenberger, die Natascha als Erste vernommen hatte, habe es Übergriffe gegeben, die Natascha aber nicht als solche erkennt: „Sie sagt, sie hat alles freiwillig gemacht.“

Am schwierigsten ist aber die Frage: Wie kann Natascha, die fast die Hälfte ihres bisherigen Lebens in einem drei mal vier Meter großen Verlies unter der Garage ihres Entführers verbracht hat, jemals wieder ein einigermaßen normales Leben führen? Psychologen wie der renommierte Wiener Kinder- und Jugendtherapeut Max Friedrich sagen, dass Natascha wesentliche Teile ihrer Persönlichkeitsentwicklung gestohlen wurden: „Sie hat keine Pubertät erlebt, die ganze Phase, in der sich das eigene Ich ausbildet, fehlt ihr.“ Fehlentwicklungen, Störungen im sozialen Umgang sind also unvermeidlich, können aber laut Psychologen mit einer begleitenden Therapie ausgeglichen werden.

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