Welt : Gefangen in Ingolstadt

Stalker hält drei Geiseln im Rathaus – er hatte Hausverbot, weil er einer Mitarbeiterin nachstellte.

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Spezialkommandos bereiten sich vor dem Alten Rathaus auf ihren Einsatz vor. Fotos: Reuters (1)/dpa (2)
Spezialkommandos bereiten sich vor dem Alten Rathaus auf ihren Einsatz vor. Fotos: Reuters (1)/dpa (2)Foto: REUTERS

München - „Die Kanzlerin kommt“, wirbt ein Schriftzug auf dem weißen Transporter. Nebenan auf dem Ingolstädter Rathausplatz sind Podeste für eine Bühne aufgebaut, Bierbänke stehen bereit. Doch der Platz ist verwaist, abgesperrt, statt Unions-Wahlkämpfern befinden sich hier Polizisten, Sanitäter, Spezialkommandos. Nur wenige Meter entfernt vom Ort, wo Merkel am Nachmittag auftreten sollte, brachte ein 24-Jähriger am Montag drei Menschen in seine Gewalt. Das Gebiet ist großflächig von Polizeifahrzeugen abgesperrt, mehr als 200 Beamte sind im Einsatz. Der Mann ist mit einer Pistole bewaffnet. Um neun Uhr hatte er im zweiten Stock des Alten Rathauses drei Geiseln genommen. Darunter der dritte Bürgermeister der Stadt, Sepp Mißlbeck (Freie Wähler), sowie seine Vorzimmerangestellte und einen weiteren städtischen Mitarbeiter. Mißlbeck wurde gegen 14 Uhr freigelassen, die beiden anderen blieben vorerst in seiner Gewalt. Ein genau auf dem Rathausplatz für 17 Uhr angesetzter Wahlkampfauftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer wurde abgesagt.

Im Laufe des Tages stellte sich heraus, dass der Geiselnehmer ein polizeibekannter Stalker ist. Er hatte in der Vergangenheit städtische Mitarbeiter und vor allem die junge Frau, die dann in seine Gewalt gelangte, „massivst belästigt“, wie der angereiste bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte. Wegen zurückliegender Gewaltdelikte ist der 24-jährige Ingolstädter der Polizei bekannt, und wegen Stalkings. Er hat keinen festen Wohnsitz, gilt als „psychisch auffällig“ und soll schon zu einer Zwangsbehandlung in die Psychiatrie eingewiesen worden sein. Gerüchte, die während des Tages kursierten, dass er aus der geschlossenen Psychiatrie ausgebrochen ist, wurden nicht bestätigt.

„Es geht ihm nicht um Geld“, sagte ein Polizeisprecher. „Er will, dass ein Bescheid gegen ihn aufgehoben wird.“ Wegen der heftigen Belästigung der Bürgermeister-Mitarbeiterin hatte der Geiselnehmer in der vorvergangenen Woche ein Hausverbot für alle Rathaus-Behörden der Stadt erhalten. Ingolstadts Oberbürgermeister Alfred Lehmann (CSU) war während der Geiselnahme selbst im Alten Rathaus. Er bezeichnete den Begriff „Stalker“ als „etwas verharmlosend“. Der Mann habe, so sagte Innenminister Herrmann, „eine ganze Latte an Vorstrafen“.

An den Absperrungen des Platzes versammelten sich viele Schaulustige und Reporterteams. Sie wurden aber von der Polizei so weit ferngehalten, dass sie von dem Zimmer, in denen der Geiselnehmer und die Opfer waren, nicht gesehen werden konnten. Spezialkräfte der Polizei führten intensive Verhandlungen. Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer, die in Ingolstadt lebt, meinte: „Wir alle hoffen und bangen, dass diese Geiselnahme glimpflich ausgeht.“ Die Polizei ist nicht der Auffassung, dass die Geiselnahme mit dem Auftritt von Angela Merkel und Horst Seehofer in einem Zusammenhang steht. „Es ist zu bezweifeln, ob der Mann davon überhaupt gewusst hat.“

Zu Attacken auf Verwaltungs- und Staatsvertreter kommt es immer öfter. Im vergangenen September erstach ein Mann eine Jobcenter-Mitarbeiterin im nordrhein-westfälischen Neuss.

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