Welt : Gefühlte Temperatur: minus 10 Grad

ANDREAS OSWALD

Ziehen Sie sich warm an.Heute beträgt die Höchsttemperatur minus 3 Grad.Was das Kälteempfinden vergrößert, ist der Wind.Die Meteorologen sagen Windstärke 3 bis 4 voraus.Das bedeutet, daß sich die Luft anfühlt, als herrschten weniger als minus 10 Grad.Schon gestern wurde im Wetterbericht des Inforadios auch die "gefühlte Temperatur" angegeben.

Diese ist nicht überall gleich.Heute herrscht Ostwind.Wer also Straßen entlangläuft, die in West-Ost-Richtung verlaufen, dem beißt ein scharfer Wind ins Gesicht.In Berlin gilt das beispielsweise für Operngänger Unter den Linden.Selbst der kurze Fußweg vom Auto ins warme Gebäude kann empfindliche Menschen hart treffen.Bei abendlichen Temperaturen von minus 7 Grad und Windstärke 3 fühlt sich die Luft an, als hätten wir minus 15 bis minus 16 Grad.

Aus der nebenstehenden Windchill-Tabelle können Leserinnen und Leser im Winter die "gefühlte Temperatur" ermitteln.Der Wetterbericht am Fuß dieser Seite sagt die Windstärke voraus.Wenn sie diese ins Verhältnis setzen zu der vorhergesagten Temperatur oder dem aktuell gemessenen Wert auf dem Thermometer vor dem Fenster, erhalten sie die sogenannte Windchill-Temperatur.Das ist der Fachausdruck von US-Wissenschaftlern, die zu diesem Zweck eine Formel entwickelt haben, mit der die gefühlte Temperatur ausgerechnet wird.

Je schärfer der Wind weht, desto mehr Wärme wird dem Körper entzogen.Auch die Heizungsrechnung erhöht sich, weil der Wind den Häusern Wärme entzieht und mehr geheizt werden muß.Das kann sich finanziell erheblich bemerkbar machen.

Die Windchill-Formel ist wissenschaftlich sehr umstritten.Subjektiv gefühlte Temperatur lasse sich nicht messen, wenden Kritiker ein.Sie weisen außerdem darauf hin, daß beim Einsetzen bestimmter Ziffern in der Formel kein sinnvolles Ergebnis erzielt wird und es sich damit nicht um eine gültige Formel handelt.

Die Kritiker haben grundsätzlich recht.Die Formel gibt nicht für alle Werte ein sinnvolles Ergebnis, aber für fast alle Werte, die in diesem Zusammenhang interessant sind: für Windstärken zwischen 2 und 9.Insofern ist die Formel zwar nicht absolut gültig, aber hilfreich.Ähnliches gilt für das subjektive Empfinden.Jeder empfindet anders.Aber gleichzeitig kann jeder mit einer Temperaturangabe subjektiv etwas anfangen, kleidet sich entsprechend und richtet sich mental darauf ein.Auch hier kann die Windchill-Temperatur hilfreich sein.

Die US-Meteorologen, die die Formel entwickelten, verfolgten vor allem das Ziel, bedrohte Menschen rechtzeitig zu warnen.Bei den berüchtigten Schneestürmen in den USA war es nicht ausreichend, den Leuten eine Temperatur von minus 15 Grad anzugeben.Herrscht gleichzeitig Windstärke acht, entspricht das einer Windchill-Temperatur von minus 43 Grad.Menschen, die sich unter diesen Bedingungen zu Fuß auf den Weg machen, drohen zu erfrieren.

Das wird in Berlin hoffentlich nicht passieren.Aber viele Leute, die morgens aus dem Haus treten, merken den Windchill-Effekt, wenn sie den Eindruck haben, es sei erheblich kälter, als es in der Zeitung angekündigt wurde.

Die Windchill-Formel

Twc=33+(0,478+0,237SQRT(V)-0,0124V)(T-33)
Twc ist die Windchill-Temperatur, T die tatsächliche, V die Windgeschwindigkeit in km/h, SQRT=Quadratwurzel.In der obenstehenden Tabelle stehen unter den Windstärken die zugehörigen km/h-Werte.

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