Geiseldrama : Gefangene sind in Libyen

Die Entführer der europäischen Reisegruppe in Ägypten konnten sich mit ihren Opfern ins benachbarte Libyen absetzen. Unterdessen meldete sich der Deutsche Carlo Bergmann. Er hatte seine Entführung im Februar an der ägyptisch-sudanesischen Grenze den Behörden verschwiegen.

Martin Gehlen[Kairo],Andreas Oswald[Berlin]

In einer überraschenden Aktion haben die Entführer der 19 Geiseln am Donnerstag ihre Opfer vom Sudan in das benachbarte Libyen verschleppt. Die Gruppe halte sich jetzt etwa 15 Kilometer von der Grenze entfernt auf libyschem Boden auf, erklärte ein Sprecher der Regierung in Khartum. Diese Information wurde auch von ägyptischer Seite bestätigt. Tags zuvor hatte sudanesisches Militär die Region abgeriegelt, konnte aber offenbar den Ortswechsel nach Libyen nicht verhindern. Die Soldaten würden in der Nähe bleiben, aber nichts unternehmen, was das Leben der Geiseln gefährden könnte, sagte der Sprecher weiter. „Ob dies jetzt eine Entspannung der Lage bedeutet oder die Krise verschärft, wissen wir nicht“, zitierte AFP einen ägyptischen Beamten.

Die Gruppe aus fünf Deutschen, fünf Italienern, einer Rumänin und acht Ägyptern ist seit vergangenem Freitag in der Hand von Bewaffneten. Diese verlangen nach ägyptischer Darstellung ein Lösegeld von sechs Millionen Euro. Inzwischen bestehe auch ein direkter Kontakt zwischen dem Krisenstab im Außenministerium in Berlin und dem Anführer der Geiselnehmer, hieß es in Kairo. Zuvor waren die Verhandlungen über die deutsche Ehefrau des ägyptischen Reisebürochefs gelaufen, der auch zu den Gekidnappten gehört. Über die Identität der vier oder fünf Entführer gibt es auch am 7. Tag des Geiseldramas keine klaren Erkenntnisse. Die ägyptischen Sicherheitbehörden gehen davon aus, dass die Täter aus dem Tschad kommen. Die Sudanesen wiederum behaupten, die Kidnapper seien Ägypter. Die angesehene arabische Zeitung „Al Hayat“ berichtete, die Männer kämen aus Dschibuti.

Der Deutsche Carlo Bergmann, der seine Entführung im Februar an der ägyptisch-sudanesischen Grenze den Behörden verschwiegen hatte, hat am Donnerstag gegenüber dem Tagesspiegel die Vorwürfe der Reiseveranstalter gegen ihn zurückgewiesen und ihnen indirekt die Schuld an der aktuellen Entführung gegeben. „Sie haben meinen Bericht über die Entführung in meinem Internet-Blog ignoriert und trotzdem Reise-Touren in das gefährliche Gebiet organisiert“, sagte er. Wegen seiner Hinweise im Internet hätten sie ihm vorgeworfen, er würde ihr Geschäft schädigen. Der Tagesspiegel hatte zuvor unter Berufung auf Bergmanns Internet-Einträge berichtet, der Deutsche sei im Februar zusammen mit Begleitern überfallen worden, habe dies aber den Behörden verschwiegen. Hätte er seine Entführung damals den Behörden gemeldet, hätten die Reiseveranstalter keine Touren mehr in das Gebiet organisiert. Die aktuelle Entführung hätte verhindert werden können. Bergmann, den das deutsche Bundeskriminalamt wegen der Vorfälle als Zeugen sucht, hat gegenüber dem Tagesspiegel jetzt gesagt, nicht er selbst sei damals entführt worden, sondern sein Gefährte Phillipp Moore mit seiner Begleitung. In seinem Internet-Blog aber beschreibt Bergmann die Entführung in der Wir-Form. Warum er die Entführung im Februar nicht den Behörden meldete und erst im Juni darüber im Internet berichtete, ist unklar. Es gibt Informationen, dass auch er, der als Experte und guter Führer in dieser Wüstenregion gilt, selber Reisegruppen begleitete. Bergmann erzählte am Donnerstag dem Tagesspiegel, er lebe seit 28 Jahren in dem Gebiet. Er habe dort eine Kamelherde mit 14 Tieren. Er habe dort als Archäologe gearbeitet und unter anderem die älteste Handelsstraße der Welt entdeckt – den „Abu Ballas Trail“. Das Gebiet Gilf al Kebir gilt als eine der spektakulärsten Wüstenlandschaften der Welt mit sensationellen frühzeitlichen Höhlenmalereien. Bergmann erzählte, er habe dort auch Vorformen von Hieroglyphen gefunden, die 6500 Jahre alt seien. Über seine Entdeckungen und Erlebnisse berichtet der 60-Jährige ausführlich auf seiner Webseite im Internet.

Bergmann erzählte, dass er in der Vergangenheit wiederholt auch mit Banditen zu tun gehabt habe. Diese hätten ihm aber nichts angetan. Ein simples FreundFeind-Schema könne man auf dieses Gebiet nicht anwenden. Sie hätten Respekt vor ihm gehabt, weil er dort alleine unterwegs war und sich auskannte.

www.carlo-bergmann.de

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