Welt : Geiseldrama: Im Osten kein Versteck

Claus-Dieter Steyer

Die Flucht ins östliche Ausland gehört für viele Straftäter zum festen Plan. Wie die Geiselnehmer von Wrestedt erhoffen sie sich dort ein leichteres Untertauchen und eine größere Rendite für ihre bei Überfällen in Deutschland und Westeuropa gemachte Beute. Wenn die Räuber selbst aus Polen, der Ukraine oder Russland stammen, spekulieren sie natürlich auf ihren Heimvorteil im Zielland ihrer Flucht. Doch längst bedeutet ein Überschreiten der Grenze nicht automatisch die Freiheit. "Die Wrestedter Geiselnehmer waren doch sehr überrascht, als sich unsere Beamten auch nach dem deutsch-polnischen Übergang in Frankfurt an ihre Fersen hefteten", sagte der Einsatzleiter der Lüneburger Polizei Hans Reimer. "Sie reagierten ziemlich nervös und führten auf der zweispurigen Fernstraße mehrere riskante Überholmanöver aus." Aus Rücksicht auf das Leben der Geiseln hätten sich die deutschen und polnischen Polizeiwagen zurückfallen lassen, ohne jedoch den Kontakt zum Fluchtauto zu verlieren.

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Solche Situationen werden seit rund drei Jahren regelmäßig im Grenzgebiet zu Polen und Tschechien von Sondereinsatzkommandos geprobt. Da für Profis weder die Oder noch die Neiße oder die Sächsische Schweiz ein ernsthaftes Hindernis darstellen, müssen sich die Beamten in brenzligen Situationen auf Anhieb verstehen und schnell reagieren. So kam es in der Vergangenheit schon oft zur Festnahme von flüchtigen Straftätern jenseits der deutschen Grenze. Die ehemals hohen bürokratischen Hürden sind zumindest in der Kooperation mit Polen und Tschechien weitgehend abgebaut worden. In beiden Ländern arbeiten Verbindungsbeamte des Bundeskriminalamtes, die natürlich die Landessprache beherrschen.

Dank der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit konnten in jüngster Zeit mehreren in Westpolen operierenden russischen und weißrussischen Banden das Handwerk gelegt werden. Sie hatten sich auf den Raub hochwertiger Autos deutscher Touristen und Geschäftsleute spezialisiert. Ihre Masche war einfach: Ausspähen der Opfer oft schon auf den Zufahrtsstraßen zur Grenze auf deutschem Gebiet, Ausstreuen von Nägeln auf einer Fernstraße, brutaler Angriff auf den Fahrer beim Reifenwechsel, Diebstahl des Autos. Inzwischen soll es mehrere Nachahmer dieser Methode geben.

Auch die alltägliche Überwachung der Grenze erfolgt seit einigen Jahren durch gemeinsame Streifen. Die Waffen bleiben dabei im jeweiligen Heimatland zurück, auch an der Hoheitsgewalt ändert sich nichts. Aber so manche Schmugglerpfade konnten diese Streifen schon entdecken. Selbst an normalen Verkehrskontrollen nehmen ab und zu Polizisten der Nachbarländer teil. Groß ist meist die Verwunderung der gestoppten Autofahrer, wenn sie weit hinter der Grenze von Landsleuten in Uniform befragt werden.

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