Welt : Geiseln des Gaspedals

Machen defekte Tempomaten französische Autofahrer zu Zwangsrasern?

Holger Alich,Carsten Herz[Paris]

Auf Frankreichs Straßen ist in diesen Tagen ein Phänomen unterwegs, das sich weder logisch erklären noch aufhalten lässt. Regelmäßig legen angsterfüllte Autofahrer in den Medien Zeugnis davon ab, dass sie ihr Auto nicht mehr beherrschen konnten, da sich angeblich der Tempomat nicht mehr abschalten und sie ungewollt durch die Straßen rasen ließ. Vor allem Autos der Marke Renault verwandeln sich in diesen Berichten in unaufhaltbare Zwangsraser.

Der Konzern steht vor einem Rätsel: Laut Renault sind dem Unternehmen mittlerweile schon 30 Fälle dieser Art bekannt. „Wir finden aber einfach keinen technischen Fehler“, erklärt ein Sprecher des französischen Autobauers. Fast wünscht sich der Konzern, endlich einen Systemfehler zu finden – denn dann könnte Renault eine Rückrufaktion starten, das Problem beheben und hätte endlich Ruhe. So steht der Autobauer aber machtlos der Tatsache gegenüber, dass die ständig auftauchenden Berichte über arglose Autofahrer in der Hand durchgedrehter Tempomaten stark am Image des Konzerns kratzen.

Ein neutraler Beobachter kann kaum beurteilen, ob die Autofahrer einfach zu dumm sind, das System zu bedienen, oder ob die Geschwindigkeitsregelung wirklich spinnt. Auffällig ist jedoch, dass alle 30 Fälle Autos in Frankreich betreffen. In Deutschland ist noch kein einziger der Raser wider Willen aufgefallen. Weder Renault Deutschland noch der ADAC haben von ähnlichen Vorfällen auf deutschen Straßen gehört.

Auffällig ist auch, dass sich die Berichte seit dem Oktober 2004 häufen. Damals machte ein Fahrer eines Renault Vel Satis weltweit Schlagzeilen, weil er über eine Stunde mit seinem Fahrzeug bei Tempo 200 über die A 71 raste, da sich der Tempomat angeblich nicht mehr abstellen ließ. Renault rückte dem Wagen mit 30 Ingenieuren und einem unabhängigen Gutachter zu Leibe. Sie fanden keinen Fehler.

Bekannt wurde aber, dass dieser erste Zwangsraser bereits aktenkundig war und seinen Führerschein schon einmal verloren hatte – und zwar wegen Trunkenheit am Steuer und wegen Fahrens mit überhöhter Geschwindigkeit. Renault erstattete Anzeige. Doch nachdem dieser erste Fall bekannt geworden war, outeten sich in den Zeitungen immer mehr Autofahrer als überraschte Geiseln des Gaspedals.

Für Arnulf Thiemel, Technik-Experte des ADAC, entbehren die Horrorgeschichten jeglicher Plausibilität. Selbst wenn sich ein Tempomat nicht abschalten lasse, könne jeder PKW auch ohne elektronische Hilfe abgebremst werden. Ein Tritt auf die mechanische Bremse, die bei jedem Wagen weitaus stärker als der Motor ist, bringe den Wagen auch gegen die Antriebskraft sicher zum Stillstand.

Thiemel weiß, wovon er spricht. Nach dem ersten Vorfall machten die Experten des Automobilclubs selbst den Praxistest mit einem Renault. Das Resultat: Der Wagen lässt sich selbst dann mit der Bremse stoppen, wenn der Fahrer Vollgas gibt. Auch Renault kann sich die Vorfälle nur so erklären, dass die Fahrer in einer Schrecksekunde möglicherweise Bremse und Kupplung verwechseln.

Das Unternehmen steht denn auch zu seiner Technologie: „Das System an sich hat keinen Fehler“, bekräftigt ein Renault-Sprecher. Überdies verwenden die Franzosen die Technik namhafter Zulieferer wie Bosch, Siemens, Dassault und Valeo, die auch andere Autohersteller in ihre Fahrzeuge einbauen.

Prompt tauchen nun in der französischen Presse Berichte von Fahrern anderer Marken auf, bei denen ebenfalls der Tempomat nicht mehr zu stoppen gewesen sein soll: Der Fahrer eines neuen Toyota Corolla erklärte seinen Auffahrunfall an einer Mautstelle vom 22. Februar mit diesem Problem. Auch bei einem Audi A3 soll das rätselhafte Phänomen jetzt aufgetaucht sein. Nun versucht die französische Justiz, der Sache auf den Grund zu gehen.

Für den ADAC-Experten Thiemel ist die Sache dagegen schon klar: „Ich habe das Gefühl, da wird eine Welle genutzt, um für jede Schramme, die sich jetzt jemand holt, Elektronikmängel verantwortlich zu machen.“ HB

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