Welt : Geiselnahme: Bis sie endlich müde werden

Werner Schmidt

Warum haben die Geiselnehmer von Wrestedt die Großstadt Berlin gemieden und sind auf dem Autobahnring weiter nach Frankfurt (Oder) gefahren? Warum hat die Polizei die Täter nicht vor der polnischen Grenze gestoppt? Über diese Fragen war nachts im Fernsehen viel spekuliert worden. Aus der Sicht der Einsatzleitung stellt sich die Realität oft anders dar als im Fernsehen, wo Informationen und Bilder eher willkürlich zu einem Krimi montiert werden.

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Welche Strategien hat die Polizei? Welche Erwägungen stellt sie während dieser Geiselnahme an? Eine Chance, den Fluchtwagen noch in Deutschland zu stoppen und die Täter zu überwältigen, sah die niedersächsische Einsatzleitung nicht. Sie wollte die Geiseln nicht gefährden und ließ den Wagen nach Polen ziehen. Wie ein Polizeibeamter erklärte, spekulieren die polizeilichen Verfolger in Fällen wie diesen auf die Natur des Menschen: Irgendwann wird jeder Mensch müde. Er wird dann unkonzentriert und begeht Fehler. Die ausgeruhten Verfolger können abwarten und im passenden Moment zugreifen.

Dass die Geiselnehmer Berlin mieden und weiter Richtung Polen fuhren, war für die Einsatztaktik der Polizei ein deutlicher Rückschlag. Die Möglichkeiten, fliehende Gangster - gleichgültig ob mit oder ohne Geiseln - in einer Stadt zu überwältigen, sind deutlich besser als auf dem flachen Land, erklärte ein Beamter. Der Stadtverkehr bremst die Fluchtgeschwindigkeit der Täter erheblich. Bebauung, Straßenführung, Brücken, Tunnel, Gebäude bieten den Verfolgern Deckung und die Chance, sich nicht nur unbemerkt zu nähern, sondern auch Fallen aufzubauen. Damit, dass sie Städte mieden, vereitelten die Gangster einen Grundsatz der Polizeitaktik: Als Verfolger möglichst die Zügel in der Hand zu halten, das Handeln der Täter zu bestimmen und sich die eigene Handlungsweise nur in Ausnahmefällen von den Gangstern diktieren zu lassen. Grafik: Stationen der Geiselnahme Die Täter aus Wrestedt allerdings blieben beharrlich auf der Autobahn, wo die Möglichkeiten eines Zugriffs durch die Polizei deutlich geringer sind. Ihr blieb nichts weiter übrig, als hinterherzufahren. Sie drehte erst an der polnisch-ukrainischen Grenze ab. Ab der Grenze in Frankfurt (Oder) übernahmen polnische und deutsche Polizei die Verfolgung gemeinsam. Da mit der Ukraine kein Rechtshilfeabkommen besteht, mussten die Polizisten dort abbrechen. Allerdings sitzt ein Verbindungsbeamter des Bundeskriminalamtes, der die Landessprache beherrscht, in der Einsatzzentrale in Kiew und koordiniert die Einsätze der Polizeibehörden.

Zwar waren die Verfolger dem Fluchtauto die ganze Zeit über dicht an der Stoßstange, die Täter wussten, dass ihnen ein Polizei-Tross folgt. Auch dass über ihnen ein Hubschrauber kreiste, konnte ihnen nicht verborgen bleiben. Das sollte es auch nicht, wie ein Fahnder erklärte. Was die Täter vermutlich nicht ahnten war, dass sie aus dem Helikopter heraus mit einer Wärmebildkamera überwacht wurden. Dennoch blieben der Polizei Identität und Nationalität der Bankräuber auch 22 Stunden nach dem Überfall verborgen. Die Täter blockten jeden Versuch einer Kontaktaufnahme ab. Mehrfach wählten die Verfolger die Mobilfunknummern der beiden Geiseln in dem Fluchtwagen, eine Verbindung kam nicht zu Stande.

Die Taktik der Polizei wird nicht nur von geografischen Gegebenheiten bestimmt, sondern auch von der psychischen Einschätzung der Täter. Zwar schoss einer der Täter Dienstagnacht auf der Autobahn bei Soltau (Niedersachsen) mehrfach aus dem Auto, aber die zuständige Lüneburger Polizei glaubt nicht, dass er treffen wollte. Die Schüsse seien ungezielt abgefeuert worden, sagte der Lüneburger Polizeisprecher Sven Jansen. Was darauf schließen lässt, dass Leben und Gesundheit der Geiseln nicht unmittelbar bedroht waren. Allerdings dürfte die psychische Belastung in dem zunächst mit fünf Personen voll besetzten Fluchtwagen enorm gewesen sein. Die beiden verschleppten Bankmitarbeiterinnen waren der einzige Seidenfaden, der die Täter mit der Freiheit verband. Ohne sie hätte die Polizei deutlich weniger Rücksicht bei der Wahl ihrer Mittel nehmen müssen. Denn das Risiko für die Geiseln wäre bei einem Festnahmeversuch nicht einmal abzuschätzen gewesen.

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