Welt : Geiselnahme: Ein Gefühl von Ohnmacht

Marit Teerling

Auch nach der Befreiung ist für die Geiseln das Erlebnis der Entführung häufig noch nicht abgeschlossen. Die erfahrene Bedrohung des eigenen Lebens kann die Opfer noch Wochen später in Form von Alpträumen, Ängsten, Depressionen und sogar Selbtmordgedanken heimsuchen. Nur eine intensive psychologische Betreuung kann dabei helfen, das erlittene seelische Trauma erfolgreich zu bewältigen.

In mehreren Gesprächen mit kompetenten Betreuern soll der Betroffene über sein Erlebnis sprechen und auf diese Weise einen inneren Abstand zu dem Erlebten gewinnen. Nur so kann er realisieren, dass die bedrohliche Situation vorüber ist und sein Leben nicht mehr länger gefährdet wird.

Dabei ist die Verarbeitung des Erlebten von verschieden Faktoren abhängig: Frauen und Kinder können mit der erfahrenen Machtlosigkeit besser umgehen als Männer. Je länger die Geiselnahme dauert, desto problematischer wird auch ihre Bewältigung.

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Während der Geiselnahme baut das Unterbewußtsein des Entführten Schutzmechanismen auf, die die Situation erträglich machen sollen. Die Geisel nimmt etwa das Erlebte als nicht real wahr oder zeigt unangemessene Reaktionen. Bei längeren Geiselnahmen läßt sich feststellen, dass sich die Opfer mit ihren Entführern solidarisieren. Dieses als "Stockholm-Syndrom" bezeichnete Phänomen wurde 1973 bei der spektakulären Geiselnahme deutscher Terroristen in der schwedischen Hauptstadt erstmals beobachtet und stellt eine Art Abwehrmechanismus der Geisel dar, um den langandauernden Streß und die beständige Angst ertragen zu können. Die Geisel stellt fest, dass ihre Motive mit denjenigen der Täter übereinstimmen: Beide wollen der Situation entkommen, ohne Schaden zu nehmen. Dieses Verhalten kann zu einem Verständnis für die Situation des Geiselnehmers führen.

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