• Geiselnahme von Wasserbillig: Als RTL-Kameraleute getarnte Polizisten locken den Geiselnehmer von Wasserbillig in eine Falle

Welt : Geiselnahme von Wasserbillig: Als RTL-Kameraleute getarnte Polizisten locken den Geiselnehmer von Wasserbillig in eine Falle

Friedhelm Knopp

Freudentränen und Tränen der Erleichterung: Fast 30 Stunden lang hatten die beiden Frauen vor dem Kulturzentrum im luxemburgischen Wasserbillig ausgeharrt - in Sorge und Angst um das Leben der kleinen Kinder, die nur zwei Straßen weiter im Kindergarten "Spatzennascht" von einem schwer bewaffneten Geisteskranken festgehalten wurden. Am zweiten Tag des bangen Wartens, abends um kurz vor halb acht, kam dann die erlösende Nachricht: Der Kidnapper ist niedergeschossen, alle 28 Geiseln unverletzt befreit. "Da sind wir uns in die Arme gefallen und haben erstmal losgeheult." Von der geglückten Befreiung hatte ihnen ihre beste Freundin berichtet, deren kleine Tochter bis zuletzt unter den Geiseln war.

Tagsüber hatte es lange nicht danach ausgesehen, als plane die Luxemburger Polizei ein gewaltsames Ende. Immer wieder gab es Anzeichen dafür, dass die Behörden nach einer Verhandlungslösung mit dem 39-jährigen Geiselnehmer suchten, der sich seit Mittwochnachmittag in dem zweistöckigen, beigefarbenen Haus mit der Nummer 30 verschanzt hatte: So wurde etwa das von dem Mann tunesischer Abstammung geforderte Flugzeug in Richtung Libyen vom Innenministerium am frühen Abend bereitgestellt. Dann wurde die Strategie jedoch kurzfristig geändert, wie der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker erläuterte. "Unser Ziel war es, zu verhindern, dass der Geiselnehmer das Flugzeug oder ein Auto besteigt."

Als sich die Lage am Donnerstag gegen 19 Uhr immer weiter zuspitzte, griff die Polizei zu einer List. Dabei machte sie sich den Mitteilungsdrang des Familienvaters zu Nutze. Am Nachmittag hatte der Geiselnehmer, der aus dem nahe gelegenen Manternach stammt, auf eigenen Wunsch hin per Telefon ein Radiointerview gegeben. Daraufhin bot man ihm noch ein Fernsehinterview an, dem der Kidnapper prompt zustimmte.

Zu dem Treffen am Tatort kam wenig später zwar ein Kamerateam, das aber nicht aus Journalisten, sondern aus Polizeibeamten bestand. Sie lockten den Mann, der mit Handgranaten, einer Pistole, einem Messer und einem Kanister mit brennbarer Flüssigkeit bewaffnet war, in eine Position, von der aus ihn Scharfschützen eines luxemburgischen Spezialkommandos mit zwei Kopfschüssen niederstrecken konnten. Der 39-Jährige überlebte schwer verletzt.

Ein Journalist des TV-Senders RTL sagte später der Agentur AFP, die Polizei habe die komplette Ausrüstung eines Fernsehteams beschlagnahmt, ohne anzugeben, was sie damit vorhatte.

Nach Ende des Geiseldramas haben Medienverbände die Taktik der Polizei kritisiert, den Geiselnehmer mit einem vorgetäuschten Interview aus dem Kinderhort zu locken und dann niederzuschießen. Bei echten Interviews könnte künftig das Leben von Journalisten gefährdet werden, sagte Aidan White, Generalsekretär der weltgrößten Journalistenorganisation International Federation of Journalists (IFJ), am Freitag in Brüssel. Es sei nicht hinzunehmen, dass sich Beamte im Kampf gegen die Kriminalität als Reporter ausgäben. Auch der Luxemburger Journalistenverband zeigte sich besorgt über das Vorgehen der Polizei. Die Arbeit von Journalisten könnte in Zukunft schwieriger und gefährlicher werden, warnte Verbandschef Jean Claude Wolff. "In Zukunft könnte ein Amokläufer echte Journalisten für verkleidete Polizisten halten und das Leben von Journalisten in Gefahr bringen". Die Direktorin der Luxemburger Zeitung "Jeudi" rügte, die Medien müssten Neutralität bewahren, um ihrer Aufgabe als Vierter Gewalt gerecht werden zu können. "Alle Welt ist sich darin einig, dass ein Mittel gefunden werden musste, um den Geiselnehmer auszuschalten". Allerdings dürfe dies nicht zu einer solchen "Komplizenschaft" führen.

Der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker sagte, es habe keine andere Möglichkeit zu einer für die Festgehaltenen ungefährlichen Beendigung des Geiseldramas gegeben, da der Täter gefordert habe, vier Kinder und drei Erzieherinnen mit zum Flughafen zu nehmen. Vor dort aus wollte der Mann mit einer Maschine nach Libyen ausfliegen. Innenminister Wolter sagte, der Geiselnehmer sei von Beginn an sehr aggressiv gewesen und habe sich nur widerwillig auf Verhandlungen mit der Polizei eingelassen.

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