Welt : Geiselnahme von Wasserbillig: Scharfschützen als Reporter getarnt

Nach dem Geiseldrama in Luxemburg haben Medienverbände die Taktik der Polizei kritisiert, den Geiselnehmer mit einem vorgetäuschten Interview aus dem Kinderhort zu locken und dann niederzuschießen. Bei echten Interviews könnte künftig das Leben von Journalisten gefährdet werden, sagte Aidan White, Generalsekretär der weltgrößten Journalistenorganisation International Federation of Journalists (IFJ), am Freitag in Brüssel. Luxemburgs Innenminister Michel Wolter rechtfertigte das Vorgehen damit, dass es keine andere Möglichkeit zur Beendigung der Geiselnahme in dem Hort gegeben habe.

Als Reporter getarnte Elite-Polizisten hatten den Geiselnehmer in dem 3000 Einwohner zählenden Ort Wasserbillig am Donnerstagabend mit dem fingierten Angebot eines Fernseh-Interviews aus dem Hort gelockt und dann mit zwei Kopfschüssen schwer verletzt. Ein Journalist des TV-Senders RTL sagte, die Polizei habe die komplette Ausrüstung eines Teams beschlagnahmt, ohne anzugeben, was sie damit vorhatte.

Der Geiselnehmer von Wasserbillig war nach einer Operation am Donnerstagabend wieder bei Bewusstsein. Es seien ihm Munitionsteile aus seinem Kopf entfernt worden, sagte Marc Zovile von der luxemburgischen Polizei am Freitag. Die Polizei war ursprünglich davon ausgegangen, der Täter sei tödlich verletzt worden. Eine Viertelstunde nach dem Zugriff hätten Mediziner aber festgestellt, dass er noch am Leben war.

Der Zustand des 39-Jährigen sei stabil. Es seien keine lebenswichtigen Strukturen des Kopfes verletzt worden. Der Geiselnehmer war am Donnerstagabend kurz nach 19 Uhr vor dem Kindergarten niedergeschossen worden. Er sei mit zwei Kindern und einer Erzieherin vor die Tür getreten. Der aus Tunesien stammende Mann sei davon ausgegangen, interviewt zu werden. Die vermeintlichen beiden Journalisten seien Polizisten gewesen. Die Polizei wollte sich nicht dazu äußern, ob sich die Waffe in der Kamera befunden habe. Im Interesse künftiger Polizeiaktionen sei keine Stellungnahme möglich, sagte Jean Clement von der Polizei Luxemburg. Seine Behörde räumte aber Fehler bei der Informationspolitik ein. Es sei nicht richtig gewesen, die Nachricht über den Tod des Geiselnehmers zu verbreiten, sagte Rene Lindenlaub von der Polizei Luxemburg. Sein Vorgesetzter Clement dagegen hatte behauptet, dass "nie falsche Informationen gestreut wurden"

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