Welt : Geist eines Massenmörders

Der Amokläufer Cho Seung-Hui hat ein „Manifest“ mit Videobotschaft, Fotos und Texten hinterlassen

Rita Neubauer

Um 7 Uhr 15 am Morgen erschießt Cho Seung-Hui zwei Menschen. In aller Ruhe geht er zur Post und gibt um 9 Uhr 1 ein Multimediapaket an den Fernsehsender NBC auf. Eine halbe Stunde später setzt er seinen Amoklauf auf dem Campus der Virginia Tech University in Blacksburg, Virginia, fort, tötet weitere 30 Menschen und sich selbst. Was, so fragt die entsetzte Nation, geht im Gehirn eines Menschen vor, der auf diese Weise – das Paket enthielt eine DVD mit 43 Fotos und 23 Videos sowie ein langatmiges Manifest – ein morbides Testament hinterlässt. Denn nicht nur hat der Todesschütze von Virginia kaltblütig die Bluttat geplant, er setzt sich auch noch selbst in Szene.

Es ist eine perfekte Inszenierung für die Youtube-Generation. Wie ein asiatischer Rambo lichtet er sich ab, hält sich die Waffe selbst an den Kopf, schwingt einen Hammer und zielt bedrohlich auf den Zuschauer.

„Ich hätte es nicht tun müssen. Ich hätte davor fliehen können. Ich laufe aber nicht mehr länger davon.“ Es ist eine einzige Anklage, voller Wut auf den Rest der Welt, der er die Schuld für die Bluttat gibt. „Ihr habt mich in eine Ecke gezwungen und mir keine andere Wahl gelassen. Die Entscheidung war eure. Nun habt ihr Blut an euren Händen, das ihr niemals wegwaschen könnt.“ Cho sah sich als Opfer. „Ihr habt mein Herz verwüstet, meine Seele vergewaltigt und mein Gewissen in Brand gesetzt.“

Gleichzeitig ist es ein hasserfülltes und fluchbeladenes Statement gegen den Materialismus, gegen Hedonismus und Prasserei. „Eure Mercedes-Autos waren nicht genug, ihr Gören … Eure Goldketten waren nicht genug, ihr Snobs … Das alles war nicht genug. Ihr hattet doch alles.” Medizinische Experten sagten, Cho zeige in dem Video und „Manifest“ typische Zeichen einer schweren Psychose und eines Realitätsverlustes. Es gebe erschreckende Einblicke in den „Geist eines Massenmörders“, sagte Psychologe Todd Cox dem Sender CNN. Am Mittwoch war bekannt geworden, dass Cho Ende 2005 von einem Sonderrichter des Staates Virginia zur Begutachtung in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde. CNN zitierte aus einem Gerichtspapier, in dem es heißt, Cho stelle eine Gefahr für sich selbst dar. Aufgeführt wird ferner die Feststellung eines Experten, der zufolge der junge Mann auch eine Gefahr für andere sei. Wie US-Medien berichteten, wurde Cho dann aber nach nur einem Tag wieder aus der Klinik entlassen.

Das Video ist kaltblütig montiert. „Es ist erschreckend zu sehen, wie er all dies orchestriert hat“, sagt Pete Hughes, ein Student der Theaterwissenschaften, gegenüber der „Washington Post“. Und es zeigt deutlich, dass er nicht eines Morgens aufwachte und zu schießen begann.”

Feststellungen wie diese rechtfertigen vermeintlich die Entscheidung von NBC News, das Material zu senden. Gleichzeitig rufen sie Kritiker auf den Plan, die auch Veröffentlichungen von Videos durch Terroristen verurteilen. Darunter der ehemalige FBI-Agent Clint Van Zant, der die Veröffentlichung als „ultimativen Sieg” von Cho bezeichnet, der andere zu ähnlichen Aktionen animieren könne.

Bei NBC hatte man angeblich „lange darüber debattiert”, ob und wie man das Video zeigen wolle. „Wir versuchen die Gefühle der Hinterbliebenen zu respektieren, gleichzeitig gibt es Stimmen, die fordern, ,Wir wollen das Warum kennen. Wir wollen wissen, was in seinem Kopf vorgeht.’ Das ist das Porträt eines Killers”, begründet der Präsident von NBC News, Steve Capus, die Veröffentlichung. „Doch ist es das wirklich?“, fragt Michael Welner, ein forensischer Psychiater, der davor warnt, diese Videos und Bilder jungen Menschen zu zeigen. „Sicher, der Kerl ist paranoid. Doch seine Hinterlassenschaft ist pure Public Relations und eine Katastrophe für die Gesellschaft”, warnt Welner auf NBC. „Er stellt sich als Typ aus einem Tarentino-Film dar, als „natural born“-Killer, der unsterblich werden will. Dabei ist er nur ein Schwächling.”

Nach Ansicht des Medienwirkungsforschers Achim Hackenberg von der Freien Universität Berlin kann die TV-Ausstrahlung von Selbstdarstellungsvideos wie die des Amokläufers schwerwiegende Folgen haben. „Es gibt einen Typus von Trittbrettfahrern, die darauf vielleicht anspringen. Wenn das Potenzial für Nachahmertaten vorhanden ist, kann es durch solche Bilder zum Ausbruch kommen“, sagte der Experte am Donnerstag.

Die plötzliche Berühmtheit des Amokläufers treibt bizarre Blüten im Internet. Zu Lebzeiten war er noch ein Niemand im Web. Doch kaum gab die Polizei nach dem Amoklauf die Identität des Killers preis, rollte eine gewaltige Welle durch das World Wide Web. Millionen Menschen wollten etwas über ihn wissen und Millionen wollten über ihn schreiben. Was das Interesse angeht, stellte er bisherige Stars wie Paris Hilton in den Schatten. In manchen Weblogs avancierte Cho Seung-Hui zum Star. Bemerkenswert ist die Geschwindigkeit, mit der die Lawine durch die Weite des Internets rollt. Innerhalb weniger Stunden entstehen Hunderte Einträge. Bei der Internetsuchmaschine „Technorati“ existieren über zehntausend Weblogs, die sich mit dem Südkoreaner und seiner Tat beschäftigen. In Communitys wie „MySpace“ sind bereits Dutzende von gefälschten Profilen mit echten oder ähnlichen Fotos des Täters eingestellt worden. Darin wird er zum Beispiel als „Stück Dreck“ beschimpft und verachtet. Geschäftemacher haben sich mittlerweile verfügbare Webseiten mit dem Namen des Amokläufers gesichert. Dabei wird spekuliert, die Adresse später gewinnbringend verkaufen zu können. mit dpa

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