Welt : "Geister": Die große Weinerei

Tomas Fitzel

Wer je "Per Anhalter durch die Galaxis" von Douglas Adams verschlang, der wird auch Stefano Benni lieben. Seine Romane sind in Italien Bestseller. Er hat einen Film gedreht, schreibt für Zeitungen und hält Seminare. Benni kreuzt alle möglichen Genres: Satire mit Science-Fiction, Märchen, Politthriller, Philosophie und Groteske. Man könnte ihn daher für einen der Cannibali halten, der jüngsten Autorengeneration, für die er auch Vorbild ist. Von den Anhängern der Pulp-Literatur trennen ihn allerdings sein moralisch-politischer Anspruch und ein gewisser Weltschmerz: Beides zeichnet ihn eher als klassischen 68iger aus.

Obwohl Satire außerhalb ihres Herkunftslandes oft nur schwer verstanden wird, genügt ein Blick in die nächste städtische Bibliothek: Man führt sämtliche seiner ins Deutsche übersetzen Bücher. Benni sprüht vor Ideen, und er oft mehr, als er unterzubringen kann. Sein Roman "Geister" ist ein Pandämonium der von allen guten Geistern verlassenen Gegenwart, auch wenn er vorgibt, sein Jetzt wäre morgen. Aber man erkennt sofort hinter den verballhornten Namen die realen Vorbilder: Bill Clinton, Madeleine Albright, Sting, Karajan, Michael Jackson, Madonna oder Berlusconi und Rutelli, die beiden Politiker aus "Neppitalien", wie Hinrich Schmidt-Henkel Usitalia treffend übersetzte. Der Präsident Morton Max ist mit der Jagd auf seine Praktikantin Melinda beschäftigt und der Überblick, wo zu welchem humanitären Einsatz gerade Bomben gefallen sind, ist verloren. Zur Hebung der Moral soll eine Parallelaktion, ein Megakonzert, organisiert werden: ein Woodstock zur Propagierung des Krieges. Eine Geschmacklosigkeit reiht sich an die andere, mit dem einstigen Vorbild hat dieses Woodstock nur gemein, dass zwischendurch die Zuschauer im Schlamm versinken. In dem Kuddelmuddel rühren noch ein Dutzend Geister mit. Bis zuletzt bleibt ihre Rolle so unklar wie die eines Geschwisterpaares - sind es die Guten oder doch nur buonisti, Gutmenschen?

Zum Finale gibt es eine "große Weinerei". Die Welt, sie geht unter, nach diesem Buch würde ihr keiner eine Träne nachgeweint haben. Dass die Wirklichkeit schlimmer als jede Satire sei, ist ein Gemeinplatz seit Aristophanes. Benni gelangt aber über Gemeinplätze in seiner Gegenwartsdiagnose nicht hinaus, und seine Gags verpuffen allzu schnell. Unzählige Personen lässt er auf der Bühne seines Kasperletheaters erscheinen und gelegentlich nach kurzem Knalleffekt sang- und klanglos wieder abtreten. Für eine Weile mag die Frage, ob es zwischen der Praktikantin und dem Präsidenten noch zu deftigen Szenen kommt, den Leser bei der Stange halten. Doch darin offenbart sich, dass Benni, hier sehr gekonnt, mit den gleichen Oberflächenreizen arbeitet wie die von ihm in den Orkus gewünschte Mediengesellschaft. Seine als zynische Zivilisationskritik verpackte Weltuntergangsfantasie entpuppt sich in ihrem Kern als reaktionär, mit einer ebenso verächtlichen Haltung gegenüber der Welt und ihren Bewohnern, wie sie schon sein Landsmann Filippo Tommasi Marinetti zur Schau trug, dem Benni manches abgeschaut hat. Nur Benni zählt sich zur Linken, während Marinetti von sich sagte, er sei Faschist gewesen, noch bevor es diese gab.

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