Welt : Geliebt und gefeiert, bespuckt und gehaßt

STEFAN HERMANNS

Gegen den eigenwilligen Star Stefan Effenberg beginnt heute der Prozeß wegen KörperverletzungVON STEFAN HERMANNSStefan Effenberg haßt Mittelmaß.Wenn seine Spielkameraden seinen Ansprüchen nicht gerecht werden und im Training Unzulänglichkeiten offenbaren, ist er der letzte, der darüber großzügig hinweggeht."Da wird er irre", sagt Hannes Bongartz.Der Coach von Borussia Mönchengladbach fordert mehr Gelassenheit von seinem Star: Jeder muß jeden schätzen und darf nicht seine Ansprüche auf andere übertragen." Schließlich hat Effenberg es ganz allein zu verantworten, daß er nicht wenigstens gelegentlich im Kreise Deutschlands bester Fußballprofis mitwirken darf.Umso aufregender muß es für ihn gewesen sein, als er neulich in eine sogenannte Weltauswahl berufen wurde und in Moskau an der Seite von Spielern stand, die seinen hohen Ansprüchen gerecht werden.Am nächsten Tag erlebte die Mannschaft zuhause Effenberg als "lustlos und apathisch".Der Coach verbannte ihn daraufhin aus dem Kader für das Spiel gegen den 1.FC Köln.Der Kapitän war nicht gerade erfreut und machte sich mal wieder ernste Gedanken um seine Zukunft in Mönchengladbach.Ohnehin wollte er seine Karriere nicht bei einem Verein beenden, der auf Dauer nur Mittelmaß sei. Niemand symbolisiert das Dilemma des Vereins besser als Stefan Effenberg: Die Ansprüche sind hoch, die Erwartungen groß, aber der Ertrag ist bescheiden.In seiner zehn Jahre währenden Karriere hat Effenberg so gut wie nichts gewonnen.Manchmal scheint es sogar, als hafte der Mißerfolg an ihm wie ein festgetretenes Kaugummi unter der Schuhsohle.1987 verlor er mit den Junioren von Borussia Mönchengladbach das DFB-Pokal-Endspiel, als Jung-Nationalspieler scheiterte er 1992 im EM-Finale gegen Dänemark.Bayern München verbuchte mit ihm die zweitschlechteste Plazierung in mehr als 30 Jahren Bundesligazugehörigkeit, und den AC Florenz führte Effenberg sogar in die 2.Liga.Auf der Habenseite steht allein der DFB-Pokalsieg 1995. Seit Günter Netzer hatte bei Borussia Mönchengladbach kein anderer Spieler derartige Machtbefugnisse wie Effenberg.Seinen Trainer ließ er vor der Saison per Zeitungsinterview wissen, auf welcher Position er künftig zu spielen gedenke, in Aufstellungsfragen reklamiert er sein Mitbestimmungsrecht, und zur privaten Pressekonferenz mit ausgewählten Journalisten stellte ihm der Verein das Präsidentenzimmer zur Verfügung.Zum Dank zog Effenberg dann über Trainer und Mitspieler her. "Effenberg gibt dem Verein ein Gesicht", sagt Gladbachs Manager Rüssmann.Ein Gesicht, mit dem sich der Verein hervorragend vermarkten läßt.Der Anteil der Effenberg-Devotionalien am Erlös aus dem Fanartikel-Verkauf beträgt 15 Prozent.Von allen veräußerten Borussentrikots trägt jedes dritte seinen Namen.Doch das Gesicht droht zunehmend häßliche Züge anzunehmen. Am heutigen Mittwoch muß sich Effenberg gemeinsam mit seiner Frau wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht verantworten.Er soll im Dezember einen Betrunkenen, der es statt in sein Bett nur noch bis in die Einfahrt des Effenbergschen Anwesens geschafft hatte, mit Fußtritten malträtiert haben.Der Beschuldigte selbst sagt, er und seine Frau hätten dem Mann das Leben gerettet, ohne ihre Hilfe wäre er in der bitterkalten Nacht mit Sicherheit erfroren.Es gibt Zeugen, die diese Aussage bestätigen, und vermutlich wird Effenberg freigesprochen.Das Schlimme aber ist, es gibt auch genug Leute, die es Effenberg generell durchaus zutrauen, auf einen besinnungslos Betrunkenen einzutreten. Netzer wurde einst bewundert, Effenberg hingegen polarisiert: Entweder man haßt ihn, oder man liebt ihn. Vor kurzem mußte sich Effenberg an der Schulbus-Haltestelle seines neunjährigen Sohnes geradezu wüst beschimpfen lassen.Weil der Geschmähte daraufhin zu Mitteln gemäßigter körperlicher Züchtigung griff und dem Großmaul mit der Empfehlung "So nicht!" sachte am Ohr zupfte, erhielt Effenberg erneut eine Strafanzeige.Wenig später durfte er dann miterleben, daß sein Auto wiederum an der Haltestelle aus dem Schulbus heraus bespuckt wurde.Die Eltern des Übeltäters konnten jedoch am Verhalten ihres Sohnes nichts Verwerfliches entdecken. Als er nach seiner Verbannung aus dem Kader ("absolut enttäuschend und unverständlich") und elftägigem Schweigen wieder das Wort ergriff, erklärte Effenberg, er werde seinen Vertrag bis zum 30.Juni 2000 erfüllen.Das muß nicht unbedingt etwas heißen."Ich werde länger im Verein bleiben als der eine oder andere", sagte er.Trainer Hannes Bongartz könnte er damit gemeint haben ("Ich hatte nie ein gutes Verhältnis zu ihm") oder Karlheinz Pflipsen, der die Dreistigkeit besessen hatte, öffentlich zu erklären, daß Fußball ein Mannschaftsspiel sei ("Das ist schon fast unverschämt").Vor allem aber galt dieser Satz wohl Karl-Heinz Drygalsky, dem Effenberg schon vor gut einem Jahr bescheinigt hatte, er müsse als Präsident noch viel lernen.Der erklärte zwei Tage nach Effenbergs Rundumschlag seinen Rücktritt.

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