Welt : Genug geredet – aber nicht alles gesagt

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Von Andreas Oswald

Der frühere Schweizer Botschafter Thomas Borer hat gute Aussichten, eine hohe Entschädigung vom Ringier-Verlag zu bekommen. Am Samstag zeichnete sich eine außergerichtliche Einigung ab. Beide Seiten vereinbarten, dass sich deshalb keine Seite mehr negativ über die andere äußert. Borer hatte nach der Affäre um Berichte in den Ringier-Blättern „Blick“ und „Sonntagsblick“ über eine angebliche außereheliche Beziehung Borers zu der Visagistin Djamile Rowe eine Schadenersatzklage vor einem amerikanischen Gericht angekündigt. Dabei sollte es um eine Entschädigungszahlung in Millionenhöhe gehen, die Ringier an Borer zu zahlen hätte.

Borer hatte noch am Freitagabend Redakteuren des Tagesspiegels in seiner Villa in Potsdam ein Interview gegeben, in dem er sich ausdrucksstark über Ringier und die schweizerische Diplomatie äußerte. Am Samstag zog er das ganze Interview zurück. Ebenfalls am Samstag sagte der Anwalt von Djamile Rowe eine für Dienstag geplante Pressekonferenz ab.

Die Folgen der Affäre um die Affäre sind schon jetzt beachtlich. Djamile Rowe behauptete erst, eine Beziehung zu ihm gehabt zu haben und beschrieb diese mit pikanten Details. Vor einer Woche nahm sie alles zurück. Ihr Ruf ist ruiniert. Drei Leute verloren ihren Job: Borer, die „Blick“-Reporterin Alexandra Würzbach und der Chefredakteur des „Sonntagsblicks“, Nolte. Zu den Verlierern zählt zudem der Außenminister der Schweiz, der um sein Amt bangen muss. Nun wird wohl auch der Verlag Ringier verlieren – viel Geld.

Borer hat es geschafft, die Öffentlichkeit für sich einzunehmen. Nach den Berichten über die eine außereheliche Affäre stand er als Opfer der schweizerischen Boulevardzeitungen da. „Bild“ und „BZ“ beteiligten sich dagegen nicht an der Kampagne gegen Borer, für die die eidesstattlich behauptete Affäre der Auslöser war. Borer, der freundschaftliche Verbindungen zum Hause Springer unterhält, ist stets voll des Lobes, wenn er auf die Zeitungen dieses Verlages zu sprechen kommt.

Die Sympathien der Öffentlichkeit lagen auf seiner Seite, so offensichtlich war die Verletzung seiner Privatsphäre durch Ringier. Zudem genoss er die Sympathien nicht nur der Berliner, die er zusammen mit seiner Frau in seinen Jahren als Botschafter erworben hatte. Wer mochte da schon Verständnis aufbringen für die Boulevardpresse der Schweiz oder gar den Außenminister, der sich unter Druck gesetzt sah. Und die Fotos, die von Djamile Rowe durch die Fenster eines Mercedes gemacht wurden, erschienen vielen zu wenig beweiskräftig.

Borer hat es geschafft, Oberwasser zu bekommen. Er konnte alle, die ihm gefährlich waren, in eine Situation bringen, die sie zu Rückziehern und zur Kapitulation veranlassten: Die angebliche Geliebte Djamile Rowe, die bereits zuvor eidesstattlich erklärt hatte, dass die Ringier-Berichte über eine Beziehung zu Borer nicht zutreffen, ließ am Samstag bekanntgeben, dass sie eine für Dienstag geplante Pressekonferenz absagt. Der Hintergrund: Am Dienstag findet die Gerichtsverhandlung statt, in der es um die Forderung Borers geht, dass sie, die ihre Versionen zum Thema schon mehrmals geändert hat, nie wieder behaupten darf, sie habe eine Beziehung zu Borer gehabt.

Niemand weiß, was geschehen ist, dass die Frau sich jetzt im Sinne Borers äußert. Und selbst die Reporterin Alexandra Würzbach, die die Story um die angebliche Geliebte machte, hält sich jetzt zurück. Wie Borer zog auch sie ein bereits gegebenes Interview mit dem Tagesspiegel zurück.

Ringier sitzt vor einem Scherbenhaufen. Seine Boulevardzeitungen, die früher einen erheblich besseren Ruf hatten als Boulevardzeitungen anderer Länder, haben ihre Glaubwürdigkeit verloren. Die Affäre kostet den Verlag voraussichtlich Millionen; die genaue Höhe der Entschädigung, die Ringier aller Voraussicht nach an Borer zahlt, wird wohl geheim bleiben.

Und noch etwas anderes kommt nicht ans Tageslicht: das, womit alles anfing – die angebliche Beziehung zu Djamile Rowe.

Borer hat seine Bekanntheit und Beliebtheit ganz maßgeblich dadurch gewonnen, dass er mit seiner Ehefrau auch sein Privatleben an die Öffentlichkeit trug und für seine Ausstrahlung als Botschafter einsetzte. Mit Äußerungen über sein Privatleben nahm er die Öffentlichkeit für sich ein, so, als er sagte, seine Frau habe in der Folge des Konflikts ihr ungeborenes Kind verloren. Dieser Punkt dürfte auch ganz maßgeblich eine Rolle bei den Entschädigungsforderungen vor US-Gerichten spielen, die Shawne Borer-Fielding als Amerikanerin anrufen kann.

Eine Frage der Privatsphäre

Borer, der sich ausgiebig – bis gestern – vor den Medien in seiner Sache geäußert hat, hatte wiederholt gesagt, dass er keine sexuelle Beziehung zu Djamile Rowe gehabt habe. Durch seine Äußerung steht die Frage im Raum, warum er nur wegen Verletzung der Privatsphäre, nicht aber wegen Verleumdung klagte. Diese Frage hat Borer im Tagesspiegel-Interview freimütig beantwortet.

Da er das Interview im Lichte seiner Verhandlungen zurückzog, wird die Antwort hier nicht zitiert. Aber eine Tatsache ist bemerkenswert: Würde er wegen Verleumdung klagen, müsste er mit großer Wahrscheinlichkeit Fragen zu seiner Beziehung zu Djamile Rowe vor einem Richter beantworten. Das ist etwas anderes als vor den Medien. Seine Anwälte werden ihn beraten haben.

Wenn Borer auf seinen schwarzen Mercedes zu sprechen kommt, gerät er ins Schwärmen. Das sei ein texanischer Mercedes, „mit Mafiascheiben“, wie er sagt. Die verhindern, dass man durch sie hindurchfotografieren kann.

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