Geoforschung : Erdbeben - vorhersagbar oder nicht?

Für Geologen kamen die Erdstöße in den Abruzzen nicht überraschend. „Die Gegend ist ein bekanntes Erdbebengebiet“, sagte Rainer Kind vom Geoforschungszentrum in Potsdam zu Tagesspiegel.de. „Alle 10 bis 20 Jahre kommt es dort zu Beben dieser Stärke.“

Ralf Nestler

Aufgrund der Bewegung der Erdplatten werden die Gesteine um L'Aquila gedehnt. Die Gesteine halten einiges an Spannung aus, wird sie jedoch zu groß, zerreißen die Schichten relativ plötzlich: Die Erde bebt.

Indem Geoforscher analysieren, wie häufig und wie heftig die Erde in der Vergangenheit bebte, können sie einigermaßen genau sagen, wie groß die gegenwärtige Wahrscheinlichkeit für solche Katastrophen ist. Etwa, dass das Risiko für ein schweres Beben in Istanbul binnen der nächsten 30 Jahre bei gut 60 Prozent liegt, während es in Berlin nahezu Null ist.

An welchem Tag oder gar zu welcher Uhrzeit es zu den Erschütterungen kommt, können die Wissenschaftler aber noch immer nicht vorhersagen. Daran ändert auch die Aufregung um Gioacchino Giuliani nichts, der bereits Ende März vor einem Beben in den Abruzzen gewarnt hatte. Der italienische Forscher hatte verstärkte Ausdünstungen des Gases Radon aus dem Untergrund gemessen, was er als Vorzeichen eines Bebens interpretierte.

„Ein Zusammenhang ist nicht ausgeschlossen, aber auch nicht bewiesen“, kommentiert Kind. Radon bildet sich beim Zerfall radioaktiver Elemente in der Erdkruste. Wenn vor einem Beben winzige Spalten geöffnet werden, können größere Mengen des Gases an die Oberfläche strömen. „Aber den Mikrorissen muss nicht zwangsläufig ein heftiges Beben folgen“, sagt Kind. „Es kann auch alles ruhig bleiben.“

Was einer Warnung, wie der Giulianis aber in jedem Falle folgt, ist Panik. „Deshalb wollten die Behörden gegen ihn vorgehen“, sagt Kind. „So ganz hat seine Prognose ja auch nicht gestimmt: Er hatte von wenigen Stunden gesprochen, am Ende waren es mehrere Tage.“ Um zu demonstrieren, dass das Verfahren wirklich funktioniert, müsse es auch andere Beben vorhersagen. „Der Beweis steht noch aus“, sagt Kind.

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