Welt : George Harrisons letzte Reise

Fans in aller Welt sollen den letzten Wunsch von George Harrison erfüllen: Mit einer Schweigeminute, so hat es der Musiker vor seinem Tod hinterlassen, sollen sie ihn "auf seiner Reise" begleiten. Diesen Wunsch gaben Harrisons Angehörige am Sonntag in Los Angeles bekannt. Die Schweigeminute soll am heutigen Montag um 18 Uhr 30 eingelegt werden. Der zum Hinduismus übergetretene Musiker hatte die Stunden nach seinem Krebstod zuvor mit seiner Familie und Gurus der spirituellen Hare-Krishna-Bewegung minutiös geplant - Blumen, Öle und Musik sollten ihm beim Weg in eine neue Existenz helfen. Harrisons Asche soll in Indien über dem heiligen Fluß Jamuna verstreut werden.

Neues Album

Zum Sterben im Haus seines Freundes Gavin de Becker am Donnerstag in Los Angeles hatte Harrison nach einem Bericht des "Sunday Mirror" seinen Mentor, den legendären Sitar-Spieler Ravi Shankar (81), zu sich gerufen. Zwei weitere Mitglieder der Hare-Krishna-Sekte kamen aus London und Neuseeland. Sie hätten Harrison mit Musik und Gesang auf "seinem Weg zur Reinkarnation" geholfen, sagte Shankar der Zeitung. "Er hatte einen friedfertigen Ausdruck - von Liebe umgeben." Im Moment seines Todes habe er wiederholt "Hare Krishna" gerufen.

Harrisons Körper wurde in Tücher gehüllt, mit Blumengirlanden bedeckt, mit Wasser aus dem Ganges besprüht und mit wohlriechenden Ölen gesalbt. "Weihrauch und Gesang füllten den Raum, als er hinüberglitt", schrieb der "Mirror". 20 Minuten später wurde die Leiche in ein Krematorium gebracht und in einem Pappsarg eingeäschert, berichtete das Beerdigungsunternehmen Hollywood Forever nach Angaben der britischen Agentur Press Association.

Nach Presseberichten vom Sonntag sind Harrisons Frau Olivia und Sohn Dhani mit der Urne in einem Privatjet zum Familienanwesen auf Hawai geflogen. Die Asche des Musikers soll in Nordindien über dem Fluss Jamuna zerstreut werden. Der Fluss Jamuna hat für gläubige Hindus eine starke mythologische Bedeutung. Den Beatles hatte Harrison mit der Spiritualität Indiens Ende der 60er Jahre neue musikalische Horizonte aufgezeigt. Privat war er Anhänger der 1966 in New York gegründeten Hare-Krishna-Bewegung.

"Wir sind von der weltweiten Flut von Liebe und Mitgefühl für George zutiefst bewegt", hieß es in einer am Sonntag in Los Angeles im Namen seiner Ehefrau Olivia (51) und seinem Sohn Dhani (23) herausgegebenen Erklärung. Harrison-Freund Gavin de Becker fügte nach Angaben von Press Association hinzu: "Olivia und Dhani laden Euch ein, sich mit ihnen in einer Minute der Meditation zu Ehren von Georges Reise zu versammeln, wo immer ihr Euch aufhaltet, montags um 6.30 Uhr abends."

Nur zwölf Stunden nach dem Bekanntwerden des Todes hatten bereits 5000 Fans bei America Online und Yahoo im Internet ihrer Trauer Ausdruck verliehen. Die Nachfrage nach Harrisons Solo-Alben schoss bei dem Online-Händler Amazon in die Höhe. Allein sein Dreifachalbum "All Things Must Pass" von 1970 wurde innerhalb von Stunden zur Nummer fünf der Top Ten. Liverpool, die nordenglische Heimatstadt der Beatles, plant einen Gedenkgottesdienst für Harrison.

Wegen des erwarteten Rummels hatte Harrison nicht auf seinem Luxusanwesen in Henley bei London sterben wollen, hieß es am Sonntag. Die schweizerische "SonntagsZeitung" berichtete, Harrison habe noch im August erwogen, sich in einer malerisch gelegenen Villa im Tessin niederzulassen.

In den Monaten vor seinem Krebstod hat Harrison nach einem Bericht der "Sunday Times" (London) ein "letztes geheimes Album" aufgenommen. In ironischer Anspielung auf seine herausragende Rolle in der Musik mit Epoche machenden Songs wie "Something" oder "Blow Away" habe er dem Album den Titel "Portrait of a Leg End" gegeben. Anders als auf seiner letzten Single "Horse to Water" nahm Harrison darin keinen Bezug auf seine Krankheit. Er arbeitete aber die "traumatische Erfahrung" des Anschlags auf ihn in Henley Ende 1999 musikalisch auf.

Harrisons Plan, sein letztes Album im Oktober zu veröffentlichten, wurde von seiner Krankheit durchkreuzt, berichtete die Zeitung. Seiner Familie hinterlässt der Ex-Beatle nach Berichten ein Erbe von umgerechnet 380 Millionen Mark.

Mythologie

Der Fluss Jamuna im Norden Indiens, über dem die Asche von George Harrison verstreut werden soll, hat für gläubige Hindus eine starke mythologische Bedeutung. Zuletzt waren zum Hindu-Fest "Kumbh Mela" im Januar bis zu 30 Millionen Menschen zu einem Bad dorthin gepilgert, wo sich die Flüsse Ganges, Jamuna und der nur in der Mythologie existierende Strom Saraswati treffen.

Der Hinduismus ist eine Religion ohne Einheitslehre oder -gott, in der sich verschiedene Traditionen Indiens verbinden. Weltweit gehören ihr etwa 800 Millionen Menschen an. Nach der hinduistischen Lehre von Karma und Wiedergeburt durchwandert jedes Wesen einen ewigen Kreislauf. Abhängig von guten oder bösen Taten, wird jeder als einer von Zehntausenden Göttern, als Mensch, Tier oder Höllenwesen wiedergeboren. Yoga, Askese, Gottesliebe oder magische Praktiken können zur Erlösung aus dieser endlosen Kette führen. In der Nachfolge des 68er-Aufbruchs wurden Hindu-Traditionen auch im Westen populär. Den Beatles hatte Harrison mit indischen Einflüssen neue musikalische Horizonte aufgezeigt. Privat wurde er Anhänger der Hare-Krishna-Bewegung ("Internationalen Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein").

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