Welt : Gericht entschied "im Zweifel für den Angeklagten"

Beifall nach Freispruch im Fall Weimar / Richter von Indizien für doppelten Kindesmord nicht überzeugt / Keine Haftentschädigung GIESSEN (dpa/AFP).Die Sensation war perfekt: Selbst die Angeklagte, Monika Böttcher, schien überrascht und brach fassungslos in den Armen ihres Verteidigers Gerhard Strate zusammen.Nach neun Jahren im Gefängnis ist Monika Böttcher, geschiedene Weimar, in einem zweiten Prozeß von dem Vorwurf freigesprochen worden, 1986 ihre beiden Töchter ermordet zu haben.Kaum ein Prozeßbeobachter hatte in dem spektakulären Wiederaufnahmeverfahren im Fall Weimar mit einem Freispruch gerechnet.Noch vor rund zwei Jahren hatte es dieselbe Kammer abgelehnt, den Prozeß überhaupt neu aufzurollen.Böttcher, blaß und schmal, in Jeans und Flanellhemd gekleidet, rannen bei der Urteilsbegründung Tränen über die Wangen; das Publikum begrüßte die Entscheidung mit Applaus. Das Landgericht Gießen entschied in seinem am Donnerstag verkündeten Urteil, eine Schuld der noch unter ihrem Ehenamen verurteilten Monika Weimar sei "nicht mit der erforderlichen Sicherheit" nachzuweisen.Das Gericht habe "im Zweifel für den Angeklagten" entschieden, begründete der Vorsitzende Richter Wilfried Weller den Freispruch.Er betonte, es gebe noch immer einen "nicht unerheblichen Tatverdacht" gegen die 39jährige.Auch nach dem zweiten Prozeß sei nicht sicher, wo und wann die Weimar-Töchter getötet worden seien.Der "vernünftige Zweifel" an der Schuld Böttchers lasse sich nicht ausräumen.Diese Annahme wird gestützt durch zwei Zeugen, die das Gericht für glaubwürdig hält.Sie hatten ausgesagt, die Kinder noch am Vormittag des 4.August gesehen zu haben.Dies widerspricht der Aussage Böttchers, daß die Mädchen in der Nacht davor getötet wurden. Andere Hinweise auf die Täterschaft der Mutter seien aber erschüttert worden.Die Aussagen reichten für eine Verurteilung nicht aus, betonte Weller.Auch mit dem Faser-Gutachten sei nicht eindeutig zu belegen, daß Böttcher engen körperlichen Kontakt mit den Mädchenleichen gehabt hätte. Böttcher hat immer ihren früheren Mann Reinhard des Doppelmordes an ihren Töchtern Melanie (7) und Karola (5) beschuldigt.Das Gericht ist überzeugt, daß einer der beiden -- Vater oder Mutter - in das Gewaltverbrechen verstrickt ist.Für die Entlastung Böttchers spricht auch, daß ihr Tatmotiv unklar ist.Dagegen sei ihr Mann Reinhard Weimar sicher "böse" auf seine Frau gewesen.Sie habe sich von ihm scheiden lassen wollen, um mit ihren Kindern und ihrem Liebhaber, dem US-Amerikaner Kevin Pratt, zusammenzuleben.Da der heute psychisch kranke Weimar aber keine Aussage in Gießen machte, sei es nicht möglich gewesen, die damalige Situation des Ehepaares mit Sicherheit aufzuklären.Und das wird voraussichtlich auch nicht mehr passieren.Denn ein mögliches neues Ermittlungsverfahren gegen Reinhard Weimar scheint wegen dessen Erkrankung unwahrscheinlich. Richter Weller zufolge steht Böttcher keine Haftentschädigung zu.Haftentschädigung wird dann gewährt, wenn die Beschuldigten von jedem Verdacht reingewaschen werden.Böttcher habe keinen Anspruch auf Entschädigung, weil sie die gegen sie gerichteten Strafverfolgungsmaßnahmen selbst grob fahrlässig verursacht habe, sagte Weller.So habe die ehemalige Schwesternhelferin teilweise falsche Angaben gemacht und so den Verdacht auf sich gelenkt.Nach Ansicht eines Gutachters könne dies dadurch zu erklären sein, daß sie sich moralisch mitschuldig am Tod ihrer Kinder gefühlt habe. Böttcher hatte wegen des Mordvorwurfs von Oktober 1986 bis Januar 1988 in Untersuchungshaft gesessen.Den Vorwurf hatte sie stets bestritten, ihre Unschuld beteuert.Im Januar 1988 verurteilte das Landgericht Fulda Böttcher nach einem spektakulären Indizienprozeß wegen Doppelmordes an ihren Kindern zu lebenslanger Haft.Als Motiv nahmen die Richter an, Böttcher habe den Weg für das Verhältnis mit ihrem Freund freimachen wollen.Das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt am Main hatte den Schuldspruch auf Drängen der Böttcher-Anwälte im Dezember 1995 aufgehoben und Böttcher auf freien Fuß gesetzt.Gegen den Widerstand der Gießener Richter ordnete das OLG zudem ein Wiederaufnahmeverfahren an.

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