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Germanwings-Absturz: Ermittlungen : Staatsanwaltschaft will gegen Lufthansa ermitteln

Abschiednehmen von den Opfern des Germanwings-Absturzes. In Haltern beginnt am Freitag eine lange Reihe von Beerdigungen. Gleichzeitig will die französische Staatsanwaltschaft auch die Verantwortung der Fluggesellschaften klären.

Der französische Chefermittler für die Aufklärung der Germanwings-Katastrophe, Brice Robin, am 02. April auf einer Pressekonferenz in Marseille.
Der französische Chefermittler für die Aufklärung der Germanwings-Katastrophe, Brice Robin, am 02. April auf einer Pressekonferenz...Foto: dpa

Der Copilot der abgestürzten Germanwings-Maschine war nach Angaben der französischen Staatsanwaltschaft fluguntauglich. „Er war nicht mehr in der Lage, ein Flugzeug zu fliegen“, sagte Staatsanwalt Brice Robin am Donnerstag in Paris unter Berufung auf behandelnde Ärzte. Der 27-Jährige sei instabil und psychisch krank gewesen. Zudem habe er Augenprobleme gehabt. Die Ermittler in Marseille wollen in einem Verfahren gegen Unbekannt wegen fahrlässiger Tötung auch eine mögliche Verantwortung von Germanwings und Konzernmutter Lufthansa klären. Es gebe aber bisher keinerlei Beweise, dass bei den Fluggesellschaften der aktuelle Gesundheitszustand des Copiloten bekanntgewesen sei.

Andreas Lubitz hat nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft den Airbus am 24. März absichtlich in den französischen Alpen zum Absturz gebracht. Alle 150 Menschen an Bord kamen ums Leben. Die meisten Opfer stammten aus Deutschland. Nach Angaben des Staatsanwaltes hat er seinen Kollegen in Düsseldorf angeboten, das Verfahren zu übernehmen. Darauf sei die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf nicht eingegangen.

Co-Pilot Andreas Lubitz hatte Angst vor dem Erblinden

Der 27 Jahre alte Copilot war nach Angaben Robins in den vergangenen fünf Jahren bei 41 verschiedenen Ärzten. Im letzten Monat vor dem Absturz waren es laut Staatsanwaltschaft sieben Besuche. Lubitz habe versucht, dies zu verheimlichen. Robin berichtete weiter von Augenproblemen des Piloten. Er habe Angst gehabt, zu erblinden. Die 16 verunglückten Schüler aus Haltern am See sollen von diesem Freitag an beigesetzt werden.

Am Nachmittag wird das erste der Opfer nach einer Trauerfeier mit Freunden und Familie zu Grabe getragen. Eine weitere Bestattung findet später in einem anderen Ortsteil Halterns statt. Die Stadt am Rande des Ruhrgebiets trauert um 16 Zehntklässler und ihre zwei Lehrerinnen, die von einem Spanienaustausch nicht lebend zurückkehrten.

Am Mittwoch traf der Konvoi mit den Opfern des Germanwings-Absturzes in Haltern ein.
Am Mittwoch traf der Konvoi mit den Opfern des Germanwings-Absturzes in Haltern ein.Foto: Reuters

Der französische Chefermittler traf einen Tag nach der Überführung der ersten Opfer des Germanwings-Absturzes nach Deutschland Hinterbliebene. Staatsanwalt Brice Robin wollte die Angehörigen in Paris unter anderem über die Ermittlungen und die abgeschlossene Identifizierung der Toten informieren.

Brice Robin gilt als erfahrener Jurist. Als Staatsanwalt von Marseille hat er immer wieder spektakuläre Fälle zu lösen. Auftritte französischer Staatsanwälte lassen gelegentlich Gedanken an höfische Rituale aufkommen. Brice Robin gibt sich bei seinen medienwirksamen Einsätzen meist bescheiden. Zwar lässt er schon mal vor der Kulisse einer Bibliothek im Justizpalast von Marseille französische und EU-Flaggen fernsehgerecht drapieren, doch der Jurist spielt im Scheinwerferlicht auch einen Hang zu feiner Selbstironie aus. Etwa wenn er sein - nach eigener Einschätzung - schwächelndes Englisch für Antworten auf internationale Reporterfragen nutzen soll.

Bohrende Fragen internationaler Medien

Seit dem Absturz der Germanwings-Maschine am 24. März in den südostfranzösischen Alpen ist Robin als Staatsanwalt von Marseille für die Aufklärung des Unglücks zuständig. Die Dimension des Falls ist auch für den erfahrenen Ermittler nicht alltäglich: ein vom Copiloten vorsätzlich herbeigeführter Absturz, 150 Opfer aus mehreren Nationen, eine Vielzahl trauernder Angehöriger auf der Suche nach Erklärungen und bohrende Fragen internationaler Medien. In den Wochen seit dem Absturz zeigte Robin feines Gespür für die nicht immer deckungsgleichen Interessen aller Beteiligten. So versuchte er angesichts des unermesslichen Leids der Angehörigen, dem Druck der Medien nach neuen Informationen standzuhalten.

Wichtige Entwicklungen und Ergebnisse präsentierte er im Lauf des Verfahrens mehrfach zunächst den Familien und Freunden der Opfer. „Die Hinterbliebenen haben ein Anrecht darauf“, begründete er das nach einem solchen Termin in Marseille. Entsprechend genervt zeigte sich Robin, wenn Informationen über Medien nach außen sickerten. So fragte er nach ersten Berichten der „New York Times“ über die tödlichen Absichten des Copiloten: „Merkt man mir etwa an, dass ich ungehalten bin?“ Aufsehenerregende Fälle sind Robin nicht unbekannt.

Erfahrener Ermittler Brice Robin steht vor schwieriger Aufgabe

Marseille wird in Frankreich auch die „Hauptstadt des Verbrechens genannt“: Organisierte Kriminalität, Bandenkriege, regelmäßige Erschießungskommandos auf offener Straße. Die Justizbehörde in der Hafenstadt am Mittelmeer gilt als wichtiger Posten für einen „Staatsanwalt der Republik“, wie Robins offizieller Titel lautet. So war Robin zuständig im Skandal um Pferdefleisch, das als Rind verkauft wurde.

Er ermittelte auch gegen in Frankreich als Sporthelden verehrte Handball-Profis wegen gekaufter Spiele. Auch die Akten zum Auftragsmord an der wegen Reichtum und Einfluss „Vize-Fürstin“ genannten monegassischen Immobilienerbin Hélène Pastor lagen auf dem Schreibtisch von Robin.

Die Beisetzung eines israelischen Opfers der Germanwings-Katastrophe am Donnerstag in Kfar Saba, Israel.
Die Beisetzung eines israelischen Opfers der Germanwings-Katastrophe am Donnerstag in Kfar Saba, Israel.Foto: dpa

Der Copilot von Flug 4U9525 hat nach bisherigen Ermittlungen das Flugzeug am 24. März auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf absichtlich in den französischen Alpen zum Absturz gebracht. Alle 150 Menschen an Bord kamen ums Leben. Die meisten Opfer stammten aus Deutschland. Am Mittwoch waren die ersten Särge mit deutschen Opfer an ihre Familien übergeben worden.

Ein Konvoi aus weißen und schwarzen Leichenwagen fuhr von Düsseldorf nach Haltern - 16 Spanischschüler der zehnten Klasse stammten aus der Stadt am nördlichen Rand des Ruhrgebiets. Dort bereiten sich die Hinterbliebenen auf die Beerdigungen in den kommenden Tagen vor.

In Haltern fuhren die Fahrzeuge am Joseph-König-Gymnasium vorbei, in dem die Jugendlichen zur Schule gingen. Zahlreiche Menschen mit weißen Rosen und Grablichtern in den Händen drückten am Straßenrand ihre Anteilnahme aus. Unter ihnen waren viele Schüler des Gymnasiums, die sich an den Händen hielten und Tränen in den Augen hatten.

Beisetzung eines Opfers der Germanwings-Katastrophe in Israel

Ein israelisches Opfer der Germanwings-Katastrophe ist am Donnerstag in der Nähe der Küstenstadt Tel Aviv beigesetzt worden. Hunderte von Freunden und Angehörigen des 39-jährigen Geschäftsmanns nahmen auf einem Friedhof in Kfar Saba Abschied. „Wir werden im Oktober deinen 40. Geburtstag feiern“, sagte sein Vater nach Angaben der Nachrichtenseite „ynet“ am Grab. „Und wir werden weiter deinen Geburtstag feiern, bis wir uns im nächsten Leben wiedertreffen.“

Die Leiche des Israelis war am Vortag zurück in seine Heimat gebracht worden. (dpa)

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