Welt : Geschäft mit der Untreue

Harald Maass

Song Ping kann man in keinem Büro besuchen. Ihre Kunden trifft die Pekinger Privatdetektivin in Cafes oder auf öffentlichen Plätzen. "In meinem Beruf muss man vorsichtig sein", erklärt die Mittdreißigern. Offiziell ist ihre Arbeit in China verboten. Doch das Geschäft läuft gut. "Fast alle meine Kunden sind Frauen", sagt Song Ping. Ihr Auftrag: Die Männer beim Ehebruch überführen.

Seit April gibt es in China ein neues Scheidungsgesetz. Bei Trennungen gilt seitdem eine Art Schuldprinzip: Eheleute, die ihren Partnern bei Seitensprüngen oder anderen "schwere Vergehen" überführen, können bei einer Trennung finanzielle Entschädigung verlangen. Den Beweis muss der Kläger bringen. Und so stehen bei den wenigen chinesischen Privatdetekteien die Telefone nicht mehr still.

"Wir arbeiten sehr diskret", verspricht Song Ping. 10 000 Yuan - rund 2600 Mark - verlangt sie für einen Fall. Dafür schickt sie dem vermeintlichen Ehebrecher bis zu sechs Privatermittler auf die Fersen. Als Beweise nehmen sie Videoaufnahmen und Fotos auf. Doch Neukunden müssen sich erst mal auf eine Warteliste setzen lassen. "Wir sind völlig ausgelastet", erklärt sie einer Kundin am Telefon. Einen Monat müsse sie warten, mindestens.

Das neue Gesetz soll vor allem den Männern auf die Finger schauen. Mit der wirtschaftlichen Öffnung sind die Sitten laxer geworden. In den Städten blüht die Prostitution. Hotelbesucher bekommen nachts regelmäßig Anrufe mit eindeutigen Angeboten. Unter Geschäftsleuten und hohen Kadern ist es Statussymbol, eine "bao er nai" (Mistress) zu unterhalten. Der Unterhalt von Zweifrauen ist mittlerweile so populär, dass Pekings Regierung jüngst vor einer Überhandnahme der Korruption warnt. Um ihren Zweifrauen Wohnungen, Autos und Schmuck zu kaufen, würden Regierungsbeamte immer öfter in die Staatskasse greifen.

Doch jetzt schlagen die Frauen zurück - mit Hilfe von Männern wie Wei Wujun. In den Medien wird der ehemalige Soldat nur noch der "Mistress Terminator" genannt. "In 95 Prozent von unseren Ermittlungen sind wir erfolgreich", sagt der Privatdetektiv aus der zentralchinesischen Stadt Chengdu. Eine seiner Kundinnen habe drei Jahre ihrem Mann nachspioniert, erzählt er am Telefon. "Ich habe ihn in drei Tagen überführt".

Weis Arbeit ist so gefragt, dass er mittlerweile Zweigstellen in Shanghai und Kanton betreibt. Im Internet wirbt er: "Wenn Sie bei ihrem Partner ein ungutes Gefühl haben, kontaktieren Sie uns. Wir haben die richtige Medizin für die Krankheit."

Privatdetektive arbeiten in China im Graubereich. Offiziell sind private Ermittler seit 1993 verboten. In der Praxis duldet die Regierung jedoch die Detekteien, die häufig von Ex-Polizisten und Sicherheitsbeamten betreiben werden. "Wir sammeln unsere Informationen nur auf legalem Weg", sagt Mistress-Terminator Wei. Pornografische Videoaufnahmen oder Fotos in flagranti seien tabu. Auch breche er nie in fremde Häuser ein. "Als Beweis reicht es normalerweise, die Männer beim Händehalten mit fremden Frauen oder durch das Fenster in den Wohnungen der Zweitfrauen zu fotografieren", sagt er.

Rechtlich ist es unklar, ob Fotos und Videos von Privatdetektiven als Beweise vor Gericht zugelassen sind. Doch der Druck auf die Gerichte wächst. 70 Prozent der Scheidungen würden von Frauen beantragt, sagt die Soziologieprofessorin Li Yinhe.

Mindestens 20 000 Yuan verlangt Wei für seine Arbeit in Shanghai - das sind immerhin zwei durchschnittlichen Jahresgehälter. Für seine Kundinnen, die meistens aus der gehobenen Mittelschicht zu ihm kommen, ist die Angelegenheit dennoch lohnend. "Immer mehr Richter akzeptieren die Beweise", sagt Wei.

Ansonsten bietet er Frauen einen neuen Dienst an - den Vor-Ehe-Test. Zehn Prozent seiner Kundinnen lassen ihren künftigen Ehemann schon vor der Hochzeit ausspionieren. Dabei geht es nicht nur um Liebschaften. "Sie interessieren sich auch für das Einkommen und eventuelle Vorstrafen".

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