Welt : Geschäfte mit dem Risiko

Claudia Lepping

Während die Bundesregierung vor manchen Urlaubszielen warnt, werben Reiseagenturen mit dem NervenkitzelClaudia Lepping

Die internationale Gemeinschaft bemüht sich seit Wochen um die Freilassung der Touristen, die in Malaysia gekidnappt und in den philippinischen Dschungel entführt worden sind. Aber hält das Geiseldrama die Deutschen von Reisen in die Region ab? Die Urlaubssaison steht bevor, und viele Reiselustige überlegen, ob sie ihren Tauch- und Schnorcheltrip an die südostasiatische See tatsächlich wagen sollen. Reisebüros bieten kostenlose Umbuchungen an. "Wir können niemanden zwingen, an seinem Urlaubsziel festzuhalten", heißt es bei LTU-Touristik.

Und doch gibt es viele, die sich durch Nachrichten und Ratschläge nicht abhalten lassen wollen, sich vielmehr noch angesprochen fühlen, den großen Nervenkitzel einzugehen. Lebensgefahr als Urlaubsattraktion. Und Angebote dafür gibt es genug.

Einige kleine Reiseagenturen haben das Geschäft mit den risikofreudigen Touristen als potenzielle Kunden längst entdeckt. Oft rutscht das Aufklärungsgespräch in Koketterie über die latente Gefahr ab, Opfer einer Entführung in einem fernen Land zu sein. Berichte, wie die über das Geiseldrama, werden als zu negativ und übertrieben abgetan. "Das Geschäftsinteresse ist heute so gravierend, dass kaum noch Grenzen akzeptiert werden", sagt einer, der seit Jahren im Fremdenverkehr arbeitet, aber nicht genannt werden will, weil er "eine Außenseitermeinung" vertritt. Das schadet der Branche, das wird nicht gern gesehen. Kein Risiko, kein Kick, keine Kunden - dieser Dreisatz lockt immer mehr Reiseroutenanbieter ins Geschäft. Niemand verlangt von ihnen eine Lizenz, nicht selten wickeln sie von zu Hause aus Buchungsabläufe per Modem ab.

Lukrativ sind eben Reisen in Krisenregionen, wo der Kunde bereit sein muss, das Risiko selbst zu tragen. Wird er von der Reiseagentur vor Reiseantritt aufgeklärt, ist das Unternehmen im Falle "höherer Gewalt" nicht mehr haftbar zu machen, sagt die Versicherung. Auch Schadenersatzansprüche, die laut Reiserecht gegenüber dem Reiseveranstalter angemeldet werden müssen, fallen dann weg. Gleiches gilt, wenn der Tourist sich über die Warnung des Auswärtigen Amtes (gegenwärtig für 18 Länder) hinwegsetzt und in die Krisenregion aufbricht. Die Versicherungen zahlen nur bei Streiks, inneren Unruhen, Krieg, Gefahr durch Kernenergie und bei Eingriffen von höherer Hand.

Im Jemen wurden seit 1991 mehr als 300 Ausländer entführt. Für Julietta Baums von der Kölner Agentur "Nomad-Reisen in Arabien" kein Grund, nicht dorthin zu fahren. Sie gibt an, Sicherheit gewährleisten zu können. "Eine normale Entführung dort hat in der Regel keinen religiösen Hintergrund". Zumeist ging es um politische Fragen zwischen einigen "bisschen renitenten Stämmen" und der Regierung in Sanaa. Touristen gälten als Gäste der Regierung. "Eine Geiselnahme", sagt sie, "ist dort ein traditionsreiches Mittel der Politik." Ihre Kunden glaubt Julietta Baums hinreichend geschützt, weil Vertreter dieser Stämme die Reisegruppen begleiten und wie Reiseführer entlohnt werden. Wegen der "basisdemokratischen Strukturen" in den Stämmen, sei garantiert, dass keinem Reisenden Gefahr droht, solange ein Stammesangehöriger dabei sei. Und: "Außerdem sind unsere Kunden inzwischen so erfahren, dass sie das Risiko einschätzen können." Wenn doch etwas passiert, ist versicherungstechnisch auch Nomad-Reisen aus dem Schneider, solange die Agentur nachweisen kann, ihre Touristen über die Gefahren aufgeklärt zu haben.

Bei einer der letzten Befreiungsaktionen im Jemen wurden vier gekidnappte westliche Touristen getötet. Erstmals gehörten die Entführer von 16 Briten, Amerikanern und Australiern zum Kreis islamischer Terroristen. Für den branchenkritischen Tourismus-Experten, der ungenannt bleiben will, gibt es nur eine Konsequenz: "Lassen wir die Region doch in Ruhe. Warum müssen wir Westler dorthin? Wir müssen diesem Trophäen-sammeln ein Ende setzen."Weiteres zum Thema unter

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