Welt : Geschenke-Sex mit Westbesuchern

WILFRIED MOMMERT (dpa)

"VEB Bordell" beleuchtet die Geschichte der Prostitution in der DDRVON WILFRIED MOMMERT (dpa) LEIPZIG.Offiziell gab es sie natürlich nicht mehr in der DDR.Aber wie so vieles im "real existierenden Sozialismus" hatte auch die Prostitution den Wechsel der Gesellschaftssysteme überstanden.Die DDR sei für sie sogar eine tolle Zeit gewesen, meinen viele der Prostituierten heute rückblickend.Im Vergleich zum heutigen Prostitutionsalltag waren die Verhältnisse für die Dirnen in der DDR ein Schlaraffenland.Für die eingenommenen Devisen wurden ihnen Umtauschkurse eingeräumt, von denen DDR-Durchschnittsbürger nur träumen konnten.Das Geld privilegierte sie.Sie waren kaum mit den typischen Alltagsproblemen konfrontiert, heißt es in dem Buch von Uta Falck "VEB Bordell - Geschichte der Prostitution in der DDR", das der Berliner Ch.Links Verlag auf der Leipziger Buchmesse vorstellt. Aber zum Geld kamen noch andere, spezifische DDR-Momente.Viele der Frauen, die über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügten, betrachteten ihre Tätigkeit nicht als Notnagel, sondern als "Tor zur großen Welt".Besondere Kontaktmöglichkeiten mit westdeutschen und ausländischen Gästen boten da internationale Tagungen in der "Hauptstadt der DDR" Berlin (Ost), in Rostock und vor allem die Messestadt Leipzig. Die West-Männer lobten die "weitaus liebevollere und nicht so abgezockte Behandlung" durch die halb- und ganz professionellen Frauen aus der DDR."Die Frauen waren nicht so verlebt wie die, die man auf der Potsdamer Straße sieht", meinte ein Mann."Es waren richtig schöne Frauen." Die Ost-Frauen wurden so bei vielen Männern im Westen zu einer Art Geheimtip, heißt es in dem Buch, das in der Reihe "Forschungen zur DDR-Gesellschaft" erschien. Zuhälter, die als Manager der Prostituierten fungierten und ausbeuterisch an deren Einnahmen beteiligt waren, gab es in der DDR der Autorin zufolge nicht."In einigen Fällen waren es dagegen ganze Familien, die vom Einkommen einer Prostituierten profitierten." Auch gab es den sogenannten Geschenke-Sex, die laut Falck in der DDR am weitesten verbreitete Form der (Semi-)Prostitution.Das waren Frauen, die sich zur Erfüllung ganz bestimmter Wünsche nach heißbegehrten West-Waren hingaben.Manche von ihnen standen gleich hinter den Grenzkontrollpunkten. Natürlich war auch die Prostituiertenszene wie so viele andere Bereiche in der DDR im Blickwinkel der Stasi.Die allgegenwärtige Spitzelorganisation machte sich das älteste Gewerbe der Welt zu Nutze.Mancher erpreßte Geschäftsmann oder Politiker aus dem Westen konnte später ein Lied davon singen.So enthält das Buch neben deutlichen Fotos der Stasi-Geheimkameras Kapitel wie "Die Vernunftehe zwischen Prostitution und Staatssicherheit" und "Informationsbeschaffung kennt keine Moral".Und natürlich hatte die Stasi vor allem die auch in der DDR bekannten einschlägigen Treffpunkte immer gut im Visier, wie den Brunnen auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz, "Nutten-Brosche" genannt. Es gab deutsch-deutschen Sextourismus und auch bezahlten Telefon-Sex in der DDR.Und schließlich bekamen die "oberen Zehntausend" der DDR eine Extrabehandlung: Für Botschaftsangehörige, die Stasi-Hautevolee und das Diplomatische Korps gab es alle zwei bis drei Monate in der "Kleinen Revue" des Ost-Berliner Friedrichstadtpalastes eine geschlossene Veranstaltung, bei der sich die Männer mit den Kellnerinnen und den Ballett-Tänzerinnen amüsierten. Uta Falck: "VEB Bordell - Geschichte der Prostitution in der DDR", Ch.Links Verlag Berlin.

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