Geschichte : Bonnie und Clyde: Gestorben im Kugelhagel

Vor 75 Jahren starben Bonnie und Clyde in einer Falle der Polizei. Sie brauchten nur zwei Jahre, um zur Legende zu werden. Das FBI veröffentlichte nun die Fahndungsakten.

Hauke Friederichs
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Bonnie Parker und Clyde Barrow als fröhliches Paar. -Foto: Getty

Die Frau starrt in die Kamera, schaut grimmig den Fotografen an. In ihrem Gürtel stecken zwei Revolver, sie lehnt an einem Auto. Die Schwarz-Weiß-Fotografie wurde vor wenigen Tagen von der amerikanischen Bundespolizei (FBI) gemeinsam mit mehreren hundert Seiten Ermittlungsmaterial im Internet veröffentlicht. Es zeigt eine Straftäterin auf der Flucht, eine der bekanntesten Kriminellen in der US-Geschichte: Bonnie Parker.

Gemeinsam mit ihrem Partner Clyde Champion Barrow überfiel sie Banken und Geschäfte. Das kriminelle Pärchen erschoss insgesamt 13 Menschen und fuhr wochenlang durch den Südwesten der USA, bevor die Polizei es stellen konnte. Die Geschichte von Bonnie und Clyde fesselte ihre Zeitgenossen, die Zeitungsartikel über die Verbrechen der beiden verschlangen und nicht genug bekommen konnten von der abenteuerlichen Flucht.

Das Federal Bureau of Investigation ermittelte offiziell nicht wegen Kapitalverbrechen gegen Bonnie und Clyde – sondern wegen Autodiebstahls. Denn auf ihrer Tour durch das Land stahlen sie immer wieder Autos. Da mehrere Bundesstaaten betroffen waren, nahm das FBI die Ermittlungen auf. 75 Jahre nach dem Finale der Verfolgungsjagd stehen die umfangreichen Ermittlungsakten erstmals vollständig und frei zugänglich im Internet: Fotos, Telegramme, Briefe und Zeitungsartikel trugen Agenten von Ende 1932 bis Mai 1934 zusammen. Damit lassen sich nun die letzten weißen Flecken in der Geschichte des Gaunerpärchens erschließen.

Bonnie war 19 Jahre alt und bereits verheiratet, als sie Clyde im Januar 1930 in Texas das erste Mal traf. Bonnies Ehemann saß wegen Mordes im Gefängnis, glücklich war ihre Ehe nie. Sie und der zwei Jahre ältere Clyde wurden sofort ein Paar – doch auch ihr neuer Liebhaber landete wegen Raubüberfällen hinter Gittern. Bonnie schmuggelte eine Pistole ins Gefängnis, mit der sich Clyde seinen Weg in die Freiheit erzwang. Doch Polizisten fingen den Ausbrecher eine Woche später wieder ein. Erst 1932 kam er frei, Bonnie hatte auf ihn gewartet.

Die beiden lebten außerhalb der Gesellschaft als vogelfreie Diebe und Räuber. Bei einem gescheiterten Überfall im März 1932 wurde Bonnie festgenommen. Sie erhielt eine milde Strafe und kam bereits im Juni wieder auf freien Fuß. Nun legte das kriminelle Pärchen richtig los.

Sie schlossen sich im März 1933 mit ihrem Bekannten William Daniel Jones, Clydes Bruder Buck und dessen Frau Blanche zur Barrow-Bande zusammen. In Texas, Oklahoma und Louisiana überfielen sie Geschäfte. In Iowa stellten Polizisten am 29. Juli 1933 das Quintett, es kam zu einer heftigen Schießerei. Buck starb dabei, seine Frau wurde verhaftet. Der Rest der Bande entkam.

Die Polizei erwischte Jones im November 1933, Bonnie und Clyde machten zu zweit weiter. Obwohl sie in zahlreichen Bundesstaaten ganz oben auf der Fahndungsliste standen, überfielen sie mehrere Banken und Läden. Immer wieder entkamen sie den Verfolgern knapp. Der Sheriff von Dallas stellte ihnen am 22. November eine Falle im texanischen Grand Prairie. Seine Männer schossen auf das Gaunerpärchen, doch Bonnie und Clyde entkamen erneut. Sie hielten ein Auto auf dem Highway an, zerrten den Fahrer heraus und rasten davon.

Am 16. Januar 1934 meldeten sie sich mit einer spektakulären Tat zurück: Im texanischen Waldo stürmten sie die Eastham State Prison Farm. Dort mussten Sträflinge arbeiten, auch Raymond Hamilton, der mit Clyde befreundet und vor seiner Festnahme an Überfällen des Duos beteiligt war. Zu mehr als 200 Jahren Haft hatten ihn Richter verurteilt, nun entkam er mit vier weiteren Männern in die Freiheit. Die Männer erschossen bei der Flucht zwei Wächter mit Maschinenpistolen, die Clyde in einem Graben versteckt hatte. Clyde deckte die Flucht der Männer mit Feuersalven aus einem Maschinengewehr.

Der blutigste Monat des Duos wurde jedoch der April 1934. Am 1. April wollten zwei Beamte der Highway Patrol das Verbrecherpaar kontrollieren, doch Clyde erschoss beide, bevor sie die Gefahr erkannten.

Handgeschriebene Telefonnotizen in den FBI-Akten zeigen, wie dicht die Verfolger Bonnie und Clyde immer wieder kamen. Am 5. April 1934 meldet ein Beamter der Highway Patrol, dass Touristen die beiden im texanischen Athens in einem V-8 Ford Coupé erspäht hätten. Nicht alle Hinweise waren jedoch hilfreich – teilweise meinten besorgte Bürger verschiedener Bundesstaaten, das Paar fast zur selben Uhrzeit an weit entfernten Orten gesehen zu haben.

Beim FBI liefen alle Informationen zusammen. Jeder Anruf, jedes Telegramm wurde protokolliert. 947 Seiten umfasst die Akte heute. Die Polizisten gingen penibel zu Werke: So notierte ein Agent auf einem FBI-Bericht, dass ein Kollege zwei Zeugen interviewt habe, die im Kontakt zu Bonnie und Clyde standen. "Mr. Brantley sagte, dass Mr. und Mrs. Welch betrunken waren, als er sie befragte." Dennoch gingen die FBI-Beamten jeder Spur nach.

Dutzende Agenten folgten Bonnie und Clyde sowie manchem unschuldigen Pärchen durch mehrere Bundesstaaten. Aus den Akten lässt sich nun rekonstruieren, wer das Paar mit Waffen und Munition versorgte, wo es Unterschlupf fand und welche Fluchtwege es benutzte. Vor allem die weit verzweigte Familie Barrow unterstützte das Pärchen nach Kräften.

Bonnie und Clyde waren im Mai 1934 vor allem in Louisiana und Texas unterwegs. Dort trafen sie regelmäßig Freunde, auch einige der Männer, die sie aus dem Gefängnis freigeschossen hatten. Sie schienen immer selbstsicherer und unvorsichtiger geworden zu sein. Einer ihrer Bekannten verriet sie schließlich an die Polizei. Bonnie und Clyde trafen sich am 21. Mai mit Freunden zu einem nächtlichen Gelage am Black Lake in Louisiana. Die Polizei wusste, auf welchem Weg sie nach Texas zurückkehren wollten und stellten ihnen in der Nähe des Ortes Bienville Parish eine Falle. Dort endete ihre wilde Flucht in den frühen Morgenstunden des 23. Mai.

Ein Bekannter von Bonnie und Clyde täuschte eine Wagenpanne vor und versperrte mit seinem Auto den Weg. Polizisten aus mehreren Bundesstaaten lauerten in Gebüschen am Straßenrand. Das Gaunerpärchen erkannte den Bekannten und hielt an. Der Lockvogel sprang in Deckung und die Polizisten eröffneten das Feuer. Bonnie und Clyde starben in ihrem Ford. In einem FBI-Bericht steht: "Sie starben, wie sie gelebt haben, in einem Kugelhagel."

ZEIT ONLINE

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