Welt : Geschlossene Gesellschaft

Konsequent schützt Günther Jauch sein Privatleben. Aus seiner Hochzeit lässt er kein Medienereignis machen – mit Recht

Ulrike Simon

Heute heiratet Günther Jauch in Potsdam seine langjährige Lebensgefährtin Thea Sihler. Die standesamtliche Trauung findet im Lustschloss Belvedere auf dem Pfingstberg statt, die kirchliche angeblich in der Sacrower Heilandskirche am Havelufer, die Feier danach in der Orangerie im Park von Schloss Sanssouci. Mehr Informationen wird es nicht geben – zumindest, wenn es nach dem Willen der Brautleute geht. Ist, wie manche Kritiker meinen, die Pressefreiheit in Gefahr, weil nicht öffentlich werden soll, wenn sich ein prominentes Paar unter Ausschluss medialer Öffentlichkeit sein Eheversprechen geben will und im Vorfeld alles tut, damit diese zutiefst private Angelegenheit privat bleibt?

In aller Welt wird freie Berichterstattung unterdrückt, auch in Deutschland gibt es Gefahren für die Pressefreiheit. Umso mehr sollte der Begriff nicht inflationär gebraucht werden. Ist die Pressefreiheit wirklich in Gefahr, weil nicht öffentlich werden soll, wo das Paar Jauch/Sihler gestern Polterabend feierte, von welchem Designer das Hochzeitskleid stammt, was die Gäste zu essen bekommen und ob Günther Jauch beim Jasagen wässrige Augen hatte? Ob „Bild“, „Neue Woche“, „Bunte“ oder „Explosiv“: Boulevardmedien gieren nach solchen Geschichten. Zumal Jauch ein, wenn nicht der beliebteste deutsche Fernsehprominente ist. Ein romantischer Kuss vor historischer Kulisse – mit wenigen journalistischen Handgriffen ließe sich das zur Märchenhochzeit aufmotzen, garniert mit schönen Bildern schön gekleideten Menschen. Leser und Zuschauer lieben das. Nicht ohne Grund zahlten Medien in der Vergangenheit Unsummen, um Exklusivrechte an der Berichterstattung über die Hochzeiten Prominenter zu kaufen.

Aber Günther Jauch ist nun mal kein Heiner Lauterbach, dessen Hochzeit 2001 live und exklusiv bei „Bild.de“ verfolgt werden konnte. Als Michael Schumacher 1995 heiratete, war es die „Bunte“, die sich für einen sechsstelligen Betrag die Exklusivrechte kaufte. Bei Verona Pooth teilten sich „Bunte“ und RTL die Kosten. Diese Prominenten müssen damit leben, dass die Medien und die Öffentlichkeit auch in Zukunft glauben, an ihrem Privatleben teilhaben zu dürfen. Anders formuliert: Wer sein Recht auf Schutz der Persönlichkeitsrechte erst einmal verwirkt hat, hat es schwer, sich später darauf zu berufen.

Jauch ist da anders. Ihm geht der Schutz seines Privatlebens vor: Nachdem die „Welt am Sonntag“ von den Hochzeitsplänen erfahren und „Bild“ ausführlich berichtet hatte, schickte Jauchs Anwalt Christian Schertz an alle Redaktionen ein „presserechtliches Informationsschreiben“. Sein Mandant wünsche keinerlei Berichterstattung über Details seiner Hochzeit. Ansonsten seien rechtliche Konsequenzen zu erwarten. Gleichzeitig erwirkte er gegen den Verlag Axel Springer eine einstweilige Verfügung. Bei Verstoß würde ein Ordnungsgeld von bis zu 250 000 Euro fällig.

Ist das ein „Einschüchterungsversuch“, wie es der Verband deutscher Zeitschriftenverleger formuliert? Er argumentiert, Jauch sei eine Person des öffentlichen Lebens, über die im Rahmen der vom Bundesverfassungsgericht gesteckten Grenzen wahrheitsgemäß berichtet werden dürfe. Dass Verlegerverbände gegen Jauchs Vorgehen protestieren, versteht sich von selbst, schließlich vertreten sie auch die Verleger von Boulevardblättern, die mit Geschichten über Herz und Schmerz der Prominenten Auflage machen. Doch beim Schutz der Persönlichkeitsrechte geht es nicht nur um den Schutz vor unwahrheitsgemäßer Berichterstattung, sondern auch um den Schutz vor Schmähkritik und Indiskretion. Jauch will nun mal nicht riskieren, dass Paparazzi in den Büschen der Orangerie herumlungern und Kameras vor der Kirche aufgestellt sind. Er will auch nicht warten, was die Medien veröffentlichen und hinterher klagen. Das wäre sinnlos.

Gegen die einstweilige Verfügung legte Springer Rechtsmittel ein. Das Kammergericht urteilte, über Termin und Ort dürfe wegen Jauchs „überragender Prominenz“ berichtet werden. Mehr sei der Presse nicht erlaubt. Der Schutz der Privatsphäre, die von Jauch „konsequent wahrgenommen wird“, habe Vorrang. Daran erinnerte Anwalt Schertz die Redaktionen noch einmal in einem neuerlichen Schreiben am vergangenen Dienstag. Jauch sagt, er habe ein Recht darauf, dass seine Hochzeit privat bleibt. Er wolle sich auch nicht zwingen lassen, in Las Vegas oder einem abgelegenen Dorf in den Abruzzen heiraten zu müssen, um Reportern zu entgehen. Angesichts „kalkulierter Rechtsverstöße“ bei Boulevardmedien bliebe ihm keine andere Wahl, als so rigide zu handeln.

Tatsächlich schützen ihr Privatleben wenige so strikt wie Jauch. Harald Schmidt gehört dazu, auch Stefan Raab. Anders als die beiden verdient Jauch sein Geld weder durch Zynismus und Schadenfreude noch durch das Verletzen von Persönlichkeitsrechten Dritter. Selbst Interviews mit seriösen Qualitätsmedien meidet Jauch. Aus Furcht, ein Zitat daraus, im schlimmsten Fall sinnentstellend wiedergegeben, könnte anderen Medien reichen, daraus eine große Geschichte zu schustern. Kaum jemand ist in dieser Hinsicht so konsequent und vorsichtig wie Jauch und achtet darauf, sich nicht widersprüchlich zu verhalten.

Jauch leistet es sich, „normal“, fast spießig zu sein und nicht als Mitglied einer abgehobenen Showprominenz aufzutreten. Gerade so, als verdiene er sein Geld nur zufällig damit, das Gesicht in die Kamera zu halten. Von seinem Millionenvermögen haben durch seinen Einsatz in Erhalt und Wiederaufbau historischer Potsdamer Bauten alle was. Dieses Image der unverstellten Zuschauernähe mag dazu beigetragen haben, dass er die Nachfolge von Sabine Christiansen antreten soll. Doch nur, weil viele Menschen mit Jauch mehr Abende im heimischen Wohnzimmer verbringen dürften als mit dem eigenen Partner, ist er noch kein öffentliches Eigentum.

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