Geschwisterliebe : Warum Inzest für die meisten Menschen abstoßend ist

Notbremse der Natur: Das Verbot des Geschlechtsverkehrs mit nahen Verwandten ist so alt wie die menschliche Kultur. Doch bei Patrick S. und seiner Schwester wirkte es nicht.

Hartmut Wewetzer

Patrick S. muss für die Liebe zu seiner Schwester ins Gefängnis. Er hat gegen das Inzestverbot verstoßen. So wie Ödipus, die Gestalt aus der griechischen Sage. Ohne es zu wissen tötet der Königssohn Ödipus seinen Vater und ehelicht seine Mutter. Erst später erfährt er, dass er einen Vatermord und Inzest begangen hat und geht ins Exil. Er ist verflucht.

Das Inzesttabu, also das Verbot des Geschlechtsverkehrs mit nahen Verwandten, ist anscheinend so alt wie die menschliche Kultur und überall auf der Welt verbreitet. Für Sigmund Freud, den Begründer der Psychoanalyse, war das Inzesttabu vor allem eine gesellschaftliche Barriere gegen das in uns angelegte Bedürfnis, Sex mit der Mutter oder dem Vater zu haben. Folge der Unterdrückung sei der Ödipuskomplex, folgerte Freud.

Doch zur gleichen Zeit wie der Wiener Nervenarzt stellte der finnische Anthropologe Edvard Westermarck eine andere, auf der Evolutionstheorie fußende Behauptung auf. Westermarcks These: das Inzesttabu ist angeboren. Menschen, die miteinander aufwachsen, finden sich gegenseitig sexuell nicht anziehend. Im Gegenteil, die meisten dürften den Gedanken, Sex mit Mutter oder Schwester zu haben, instinktiv abstoßend finden.

Diese Abneigung gegen Inzucht ist vermutlich eine Notbremse der Natur. Denn bei Nachkommen von Menschen, die eng verwandt sind, kommt es häufiger zu genetisch bedingten Fehlbildungen. Die Erklärung: Unsere Zellen tragen zwei komplette Kopien des Erbguts in sich – eine von der Mutter und eine vom Vater. Ist nun ein Gen defekt, kann der Fehler durch die zweite Kopie ausgeglichen werden.

Das funktioniert nicht mehr so gut, wenn das Kind von Bruder und Schwester stammt. Dann sind beide Kopien des Erbguts zur Hälfte identisch, Webfehler in den Genen können also nicht mehr so gut ausgeglichen werden. Fehlbildungen und Fehlgeburten häufen sich, auch wenn die mitunter genannte Zahl von 50 Prozent zu hoch sein dürfte.

Westermarcks Theorie von der uns innewohnenden Ablehnung der Inzucht wurde inzwischen beim Menschen und bei vielen Tierarten bestätigt, von der Maus bis zum Schimpansen. Viele Tiere besitzen ausgeklügelte Mechanismen, mit denen zu große genetische Nähe erkannt und bei der Vermehrung gemieden wird. Mäuse zum Beispiel versprühen mit ihrem Urin eine Art genetische Visitenkarte, die nah verwandte Artgenossen abstößt – man kann sich nicht riechen.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen ist eingraviert: gleich und gleich gesellt sich gern. Das gilt nicht nur für Fürstenhäuser und Herrscherdynastien, die gern unter sich heiraten und damit eine Art institutionelle Inzucht begründet haben.

In vielen Gegenden der Welt sind Heiraten unter Blutsverwandten noch immer häufig. Etwa in Nordafrika, dem Mittleren Osten und auf dem Indischen Subkontinent. Geheiratet wird jedoch nicht zwischen Bruder und Schwester, sondern zwischen Menschen mittleren Verwandschaftsgrades, etwa zwischen Cousin und Cousine. Meist sind die späteren Partner nicht direkt zusammen aufgewachsen, sondern nur Teil der gleichen Großfamilie oder des gleichen Clans.

Wenn die Eltern nicht verwandt sind, liegt das Risiko einer genetisch bedingten Behinderung bei drei Prozent. „Im Iran, wo etwa 40 Prozent der Kinder aus Ehen zwischen Blutsverwandten stammen, verdoppelt oder verdreifacht es sich“, schätzt Hans-Hilger Ropers vom Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik in Berlin.

Das Inzesttabu konnte bei Patrick S. nicht wirken, weil er seine Schwester erst als Erwachsener kennenlernte. Die „natürliche Barriere“ gegen einen Menschen, der einem selbst ähnlich ist, war nicht mehr vorhanden. Möglicherweise muss er nun dafür büßen, ein Opfer von „genetischer sexueller Attraktion“ zu sein. Damit ist gemeint, dass manche Menschen auf nahe Verwandte treffen, mit denen sie aber nicht zusammen groß geworden sind – etwa, weil sie nach der Geburt adoptiert wurden – und die sich nun extrem anziehend finden. Im Zeitalter der künstlichen Befruchtung dürfte dieses Phänomen der genetischen Anziehungskraft noch zunehmen: Ein Ödipuskomplex für das 21. Jahrhundert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben