Welt : Gesellschaft im Wandel: Ist die Familie noch heilig?

Adelheid Müller-Lissner

Von meiner Familie werde ich mich nie lösen", gab der zweifache Vater bekannt. Doch während er noch öffentlich die gesellschaftliche Bedeutung von Ehe und Familie pries und versicherte, mit allen zusammen Weihnachten zu feiern, hatte sie in Sachen Unterhalt und Sorgerecht längst ihren Anwalt eingeschaltet. Boris Becker, Babs und die zwei Buben, kürzlich wurden sie noch als Kronzeugen für das Funktionieren der Kleinfamilie gehandelt. Jetzt sind eines von rund 190000 Ehepaaren, die voraussichtlich im kommenden Jahr getrennte Wege gehen werden. Tendenz steigend.

Noch vor 30 Jahren sah die Bilanz ganz anders aus, 1970 wurden - Ost und West zusammengezählt - gerade 103000 Ehen geschieden. "Bis hinein ins 20. Jahrhundert", sagt der Regensburger Familienforscher und Soziologe Robert Hettlage, "erschien es als eine anthropologische Gegebenheit, dass die Familie eine stabile Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau darstellte, aus deren Vereinigung mehrere Kinder hervorgingen, die während ihrer Kindheit in diesem Rahmen lebten und diesen stabilisierten." Das ist auch heute noch eine Definition, in der sich viele Mütter, Väter und Kinder wiederfinden können. Doch sie ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr: Die Paarbeziehungen sind wackliger geworden, Eltern bekommen weniger Kinder. Aus früheren Beziehungen haben die Erwachsenen zudem Ex-Partner und Ex-Schwiegereltern, pflegen alte Familien-Bande neben der neuen Beziehung oder bringen den "neuen" Kindern ältere Halbgeschwister mit. 150000 "Scheidungskinder" kommen pro Jahr in Deutschland neu dazu.

Die Familie verändert sich. Doch die Erwartungen an die familiäre Geborgenheit sind, wie die alljährlich wieder kehrende Warnung von Psychologen vor weihnachtlich-festtäglichen Krisen beweist, nicht unbedingt geringer geworden. "Die Gefühlsbedingtheit der modernen Familie erschwert deren Zusammenhalt und macht gleichzeitig ein lockeres Verhältnis zur Familie unmöglich" schreibt die Berliner Psychologieprofessorin Eva Jaeggi. Einerseits besteht bei jedem Konflikt die Gefahr der Trennung. Andererseits fühlen die Beteiligten sich eng aneinander gebunden. Die Intimität ist anspruchsvoll, zumal man ja auch auf sie verzichten könnte.

Das ist historisch neu, denn fast immer und überall war es bisher die schlechtere Alternative und mit geringerem gesellschaftlichem Ansehen verbunden, sich nicht familiär zu binden. Ein "Hagestolz" war in germanischer Zeit nicht nur ein Junggeselle, sondern einer, der nur ein kleines, eingefriedetes Stück Land besitzt, einen "Hag", zu klein, um davon eine Familie zu ernähren. Erst als die Kirche die Vorzüge der freiwilligen Ehelosigkeit pries, wurde es prinzipiell möglich, den Verzicht auf die Familiengründung als besonders tugendhafte Form der Lebensführung zu betrachten.

Teamwork der Geschlechter

Das galt allerdings naturgemäß nur für eine Minderheit. Die Mehrheit musste schließlich im Teamwork der Geschlechter Haus, Hof, Handwerk und Heranwachsen der Nachkommen pflegen. Auch heute, wo sie meist keine Produktionsgemeinschaft mehr ist, stellt die Familie noch "ein wesentliches Element für das Funktionieren einer Gesellschaft" dar, wie der Soziologe Hettlage betont. Und dies vor allem, weil sie die "reproduction unit" ist, in der Kinder entstehen und aufwachsen.

Wie gut die Familie ihren Job als Sozialisationsinstanz erledigt, darüber gehen die Meinungen auseinander. "Patient Familie" lautet der populäre Titel des seit den 70er Jahren viel gelesenen Buchs von Horst-Eberhard Richter. Der Gießener Psychoanalytiker zeigt darin, dass viele psychische Störungen nur aus dem neurotischen Geflecht der Kleinfamilie erklärt - und unter Einbeziehung der gesamten Eltern-Kind-Gruppe geheilt - werden können.

Aber wer nimmt während einer Familientherapie heute überhaupt Platz? Anders gefragt: Ist jede "Reproduktions-Einheit" eine Familie? Reichen dafür die alleinerziehende Mutter und ihr Kind, die den Wissenschaftlern noch in den 70er Jahren als "unvollständige Familie" galten? Oder ist sogar schon das Paar eine Familie, dem auf dem Standesamt schließlich ein "Familienbuch" überreicht wurde?

Für 71 Prozent der Bevölkerung gehören Kinder unbedingt zur Familie. Doch der Kinderwunsch kommt im Jahr 2000 später und seltener auf. 1,2 Kinder werden derzeit im statistischen Mittel pro Frau geboren. Dass immer ältere Mütter immer weniger Kinder zur Welt bringen muss, jedoch kein Nachteil sein. Carl Djerassi, der "Erfinder" der Antibabypille, äußerte sich jüngst in einem "Spiegel"-Interview optimistisch, was die Zukunft der - weitgefassten - Familie betrifft: "Paare, egal ob Mann und Frau oder zwei Männer oder zwei Frauen, werden in diesem Alter ihre Kinder lieben, weil es innigst erwünschte Babys sind. So könnte ein stabiles Familienleben entstehen, eines, für das der Trauschein völlig unwichtig ist."

Die Sozialwissenschaftler sehen die Sache allerdings auch schnöde ökonomisch: Nicht genug, dass Kinder heute, zumindest individuell betrachtet, eine höchst unsichere Alterssicherung darstellen. Sie verursachen auch hohe Kosten. Um die 600000 Mark fallen von der Wiege bis zum Ausbildungsende derzeit im Schnitt pro Kind an, so errechneten Familienorganisationen. Für die meisten Leute sei das erste Kind das "teuerste einzelne Gut, das sie sich jemals in ihrem Leben anschaffen werden" warnten schon 1984 die amerikanischen Autoren McKenzie und Tullock. Bleiben die hohen Erwartungen an den "Emotionsnutzen" der "Anschaffung": "Die Abkehr von der Mehrkindfamilie ist auch als ein Versuch der Perfektionierung der Erziehung weniger Kinder zu werten", sagt Robert Hettlage.

Fortpflanzung ohne Sex

Manche glauben, hoffen oder fürchten, dass dieser Versuch im Zeitalter der Gentechnologie schon mit der Zeugung beginnen wird. Durch Pränataldiagnostik in den ersten Monaten der Schwangerschaft, weit mehr aber durch die - hierzulande nicht erlaubte, in einigen Nachbarländern aber schon praktizierte - Präimplantationsdiagnostik, die Untersuchung einer Zelle des im Reagenzglas gezeugten Embryos, können genetische Veränderungen erkannt werden. Das könnte dazu führen, dass irgendwann nur noch Embryonen, die besonders erwünschte Merkmale zeigen, zu Kindern heranreifen dürfen. Werden, um dies schon vor der Einnistung der befruchteten Eizelle sicherzustellen, Sex und Fortpflanzung bald ganz und gar getrennt werden? Mindestens zwei Gründe sprechen dagegen, dass Kinder künftig nur noch im Labor gezeugt werden: Die Prozeduren, die die moderne Fortpflanzungsmedizin von der Hormonbehandlung über die Gewinnung von Ei- und Samenzellen auf dem Stuhl und in der Masturbationskabine des Gynäkologen fordert, sind so aufwändig, teuer und unattraktiv, dass es wohl auf absehbare Zeit besonderer Gründe bedarf, sich ihnen zu unterziehen. Zumal Leute, die es wissen müssen, eher magere Erfolge prophezeien: Molekularbiologen wie Jens Reich werden nicht müde, das Gewicht der guten alten Sozialisation zu betonen. Selbst wenn es möglich sein sollte, eines Tages eine so komplexe Sache wie "Musikalität" im Labor zu steuern, müsste das Kind doch dazu gebracht werden, täglich zu üben! "Genie" ist mehr als die Summe der Gene. Als Rahmen für die im Vergleich zum Tierreich langwierige Erziehung der Menschen-Jungen leistet die Familie im Großen und Ganzen gute Arbeit.

Wird sie das auch in Zukunft tun? Verändern wird sie sich wahrscheinlich vor allem durch die veränderte Einstellung zu Ehe und Partnerschaft. Im Jahr 1998 ist der Altersdurchschnitt erstmalig heiratender Männer über die magische Zahl 30 geklettert, die Frauen sind über 28. Ehen, denen eine längere Beziehung ohne Trauschein vorausging, scheitern im statistischen Durchschnitt häufiger. Scheidungskinder werden selber später häufiger geschieden. Ein Schneeballeffekt, der nach Ansicht der Sozialwissenschaftler dafür sorgen wird, dass es in Zukunft noch mehr Trennungen gibt. Die Ehe als "Kontrakt mit Irrtumsvorbehalt", wie Hettlage das nennt.

"Gekündigt" wird dabei aber nur dem Partner, nicht den Kindern. "Das Ehesystem kann sich in unserer Gesellschaft auflösen, das Eltern-Kind-System nicht", schreibt die Familienforscherin Rosemarie Nave-Herz. Und für die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim ist denn auch die Antwort auf die Frage "Was kommt nach der Familie?" klar: "Die Familie! Anders, mehr, besser, die Verhandlungsfamilie, die Wechselfamilie, die Vielfamilie, die aus Scheidung, Wiederverheiratung, Scheidung, aus Kindern deiner, meiner, unserer Familienvergangenheiten und -gegenwarten hervorgegangen ist." Stabile Phasen werden mit Brüchen abwechseln. Hohe Ansprüche an Beziehungen, viele Fragen zur Gestaltung des eigenen Lebens und des familiären Alltags und die Bereitschaft zur Veränderung unbefriedigender Lebensumstände kennzeichnen die "postfamiliale Patchwork-Familie" in den Zeiten der "Bastelbiografie". Fest steht für die meisten Familienforscher, dass wir derzeit nicht einen Untergang, sondern einen Umbau der Familie erleben. Die Familien werden vielfältiger und unbeständiger, der Anspruch an die jeweils bestehende familiäre Einheit wächst.

Im Alter werden die Freunde knapp

Es wächst gleichzeitig der Anspruch auf ein außerfamiliär erfülltes Leben, speziell bei den Nachfahrinnen der ehemals "drinnen" waltenden "züchtigen Hausfrauen". Dass Mutterschaft und Berufstätigkeit sich nicht länger ausschließen dürfen, ist längst parteiübergreifender Konsens. Trotzdem sind nur zwei Prozent der Berufstätigen im Erziehungsurlaub männlichen Geschlechts. Stoff für immer neue zähe Verhandlungen (und deren Scheitern) im privaten und dringliche Initiativen im politischen Bereich ist reichlich vorhanden. Fakt ist: Fast ein Drittel der jungen Frauen im gebärfähigen Alter wird wahrscheinlich nicht Mutter werden.

Die Folgen werden sich nicht auf die Renten-Rechnung beschränken. Da "Kollaterale Verengung" gleichzeitig die Seitenverwandtschaft der Cousins und Cousinen, Nichten und Neffen schrumpfen lässt, gewinnen Netzwerke außerhalb der klassischen Familienstrukturen, aus der Kinderbetreuung wohl bekannt, immer mehr an Bedeutung. Auf die Freunde aus der eigenen Generation allein wird sich im Alter nämlich kaum einer stützen können. Es muss schon deshalb gelingen, Verbindungen mit der jüngeren Generation zu knüpfen.

In diesem Licht könnte sogar ein unscheinbarer Zimmermann aus Nazareth als Pionier erscheinen: Ohne Josefs Bereitschaft, den viel beschworenen "Egoismus der Gene" zu überwinden und Ziehvater des kleinen Jesus zu werden, wäre nicht einmal die "heilige Familie" komplett gewesen.

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