Welt : Gesellschaftsdrogen: Jenseits der Linie

Helmut Schümann

Ob nun der junge Hollywood-Star oder die alternde Diva mal ein Näschen nimmt? Man weiß es nicht, will ja auch niemandem etwas unterstellen. Aber überraschen, schockieren gar, würde es doch wohl nicht mehr, wenn Filmgrößen beim Konsum von Kokain oder anderen harten Drogen ertappt werden. Rauschmittel folgen der Popularität seit jeher auf dem Fuß, möglicherweise hängt das neben der Flucht vor Stress auch eng damit zusammen, dass sich der oder die Umschwärmte nicht mehr von dieser Welt wähnen.

Nun hat es Rolf Töpperwien erwischt. Beileibe kein Filmstar, keine Popgröße, sondern nur Reporter für Sport beim Zweiten Deutschen Fernsehen. Vor drei Wochen hat er sich beim Abbrennen von 80-prozentigem Rum schwer verbrannt, nun fanden Ärzte der ihn behandelnden Klinik in seinem Blut erhebliche Spuren von Kokain. Der 49-jährige Töpperwien ist nicht der erste aus dem Umfeld des per definitionem gesundheitsfördernden Sports, der sich mit gesundheitsgefährdenden Mitteln vollpumpt. Die Rede ist hierbei nicht von Doping, also nicht von den Pharmaerzeugnissen, mit denen sich Sportler illegal schneller, stärker, ausdauernder machen. Die Rede ist von den Gesellschaftsdrogen.

Diego Maradona, der geniale argentinische Fußballer, ist der prominenteste User. Auffällig werden immer wieder Superstars der amerikanischen Profiligen, der ehemalige französische Tenniscrack Yannick Noah verriet den wüsten Koksgenuss in der Tennisszene, Snowboarder bei den Olympischen Winterspielen von Nagano kifften sich zur gebotenen Lockerheit - und auch Protagonisten der hiesigen Fußball-Bundesliga geraten immer mal wieder in den Verdacht, nach Abpfiff fern der Spielfeldbegrenzung ganz andere weiße Linien zu ziehen.

Erschreckend, das ja, aber überraschend ist dies auch im Sport nicht wirklich. Der Sport ist keine gesellschaftliche Nebensache mehr, er ist ein Segment der Unterhaltungsindustrie und steht in seiner wirtschaftlichen sowie emotionalen Bedeutung auf einer Stufe mit der Pop- oder der Filmbranche. Dementsprechend haben die Sportler auch die Rollen der Filmstars übernommen.

Sie finden sich wie der Münchner Fußballer Mehmet Scholl als Teenager-Idol auf der Zeitschrift "Bravo" wieder; werden wie Maradona von Paparazzi verfolgt und abgeschossen; das Liebesleben von Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus füllt Spalten und findet ebenso gieriges Interesse wie das der Windsors; Basketballer Dennis Rodman steht als Sex-Maniac Mick Jagger nicht nach; und die Träume und Sehnsüchte, die Märchenprinzessinen zu stillen haben, werden auch von Steffi Graf befriedigt. Es macht keinen Unterschied, ob Julia Roberts von Richard Gere nur auf Zelluloid erhört wird oder Steffi Graf für Public Relations oder aus Liebe zu Andre Agassi findet. Sportler sind Popstars, und manch einer hat die Riten dieser Szene, seien es Allüren oder eben Drogengebrauch, im gedankenlosen Stolz, weit über der bürgerlichen Norm zu schweben, übernommen.

Die Hysterie um den Sport hat zudem auch die Berichterstattung über den Sport verändert. Sport im Fernsehen, das ist eben in erster Linie keine Informationssendung mehr, sondern Unterhaltung. Entsprechend gerieren sich ihre Präsentatoren. Das Selbstverständnis der Töpperwiens ist längst kein journalistisches mehr. Auch sie werden gefeiert wie kleine Stars, manch einer verteilt eigene Autogrammkarten, fühlt sich - ob zu Recht oder aus Hybris sei dahingestellt - als Prominenter. Und plötzlich sind sie nicht mehr Beobachter der Schicki-Szene sondern Teil davon. Rolf Töpperwien mag seine eigene, tragische Geschichte haben, eine Geschichte, in der Stress, Alkohol und Selbstüberschätzung tragende Rollen spielen mögen. Ein Einzelfall ist Rolf Töpperwien nicht.

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