Welt : Gesellschaftsdrogen: Mit Psychopharmaka gegen den Leistungsstress

Robert von Rimscha

Auf amerikanischen Schulhöfen heißt es "Vitamin R". Andere Teenager nennen es "R-Ball". Gemeint ist dasselbe: Eine zu Pulver zerstoßene Pille des Medikaments Ritalin. Der Preis pro Pille liegt zwischen einem und fünf Dollar. Amerikas Kids kaufen sie von jenen, die für Ritalin ein Rezept haben. Manche schnupfen das Pulver, andere essen es. Die Folge bei Gesunden ist dieselbe: "kurze, intensive Phasen von höchster Energie", wie die Überwachungsbehörde "Drug Enforcement Administration" (DEA) warnt.

Eigentlich ist Ritalin dazu da, dem zu begegnen, was man früher einen Zappel-philipp genannt hätte. Heute lautet die Diagnose in den USA meist ADD ("Attention Deficit Disorder") oder ADHD ("Attention Deficit Hyperactivity Disorder"). Die DEA warnt vor dem Missbrauch von Ritalin, weil das Medikament aus dem Hause Ciba-Geigy zu einem Massenphänomen geworden ist. Vor allem in leistungsbetonten Mittelklassegegenden draußen in den Vorstädten werden bis zu 20 Prozent der Kinder ständig durch Ritalin-Einfluss ruhig gestellt. Offiziell hatten 1998 2,4 Millionen US-Kinder Ritalin-Rezepte. Und dies beginnt im Vorschulalter. Bei kleinsten Konzentrationsstörungen rennen die Eltern los, um ihre Kleinen medikamentös besänftigen zu lassen. Der Leistungsdruck spielt eine entscheidende Rolle. US-Grundschüler verbringen im Schnitt über drei Stungen pro Tag über Hausaufgaben. Der Verdrängungswettbewerb für "gute" Highschools und dereinst "gute" Colleges beginnt im Kindergarten.

In Überdosen führt Ritalin zu Krämpfen und Infarkten. Laut DEA sind mehrere Todesfälle unter Schülern auf das Medikament zurückzuführen. Bereits 1994 mussten 1171 Kinder mit einer Ritalin-Überdosis in die Krankenhäuser geschickt werden, so die DEA. "Viele Leute wissen einfach nicht, dass Ritalin wie Kokain wirkt", meint DEA-Programmdirektor Gene Haislip.

Ritalins Partner bei der Ruhigstellung einer ganzen Generation ist Prozac, das gegen Depression und manche Essstörungen verschrieben wird. Zusammen ist die pharmakologische Betäubung von Amerikas Nachwuchs durch Ritalin und Prozac ein Thema, das die klassische Drogenproblematik längst überholt hat. Und so machen sich sogar Politologen wie Francis Fukuyama mittlerweile Gedanken über die gesellschaftlichen Langzeitwirkungen. Der Autor der These vom "Ende der Geschichte", der nach dem Kalten Krieg einen ideologischen Stillstand prognostiziert hatte, aktualisierte seine Theorie vergangenes Jahr. Was er übersehen habe, so Fukuyama nun, sei die Dynamik innergesellschaftlicher Veränderungen durch Biotechnik, Genforschung und Elektronik. Sein wichtigster Beleg: Es gebe keinen Stillstand, solange Gesellschaften sich selbst neu zu erschaffen versuchten, so wie die amerikanische durch Ritalin und Prozac. Das Labor sind Amerikas Schulen. Das Versuchstier ist Amerikas Jugend.

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