Gesellschaftskritik : Über die Treue von Karin Seehofer

Wie Horst Seehofers Frau immerzu lächelnd an seiner Seite auftritt, trotz des Fehltritts, den er sich vor zwei Jahren erlaubte.

Adam Soboczynski

Bei der Bayreuth-Eröffnung schmiegte sie sich jüngst sehr heiter an ihren Gatten, den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer. Sie irritierte auch Anfang Juli die Besucher in der bayerischen Regierungszentrale, als sie unbeschwert seinen 60. Geburtstag mitfeierte. Tritt Karin Seehofer auf, wittern jedoch immer alle Betrug. Sie reiße sich doch nur zusammen! Das Lächeln dieser Frau, wirkt es nicht gefroren und künstlich? Das müsse doch, das könne doch, dieses strahlende Eheglück, nur verkrampfte Inszenierung sein.

Dabei ist die Ehe viel zu heilig, als dass sie von einem Seitensprung oder einem unehelichen Kind ernstlich angegriffen zu werden vermag. Horst Seehofer, gewiss keine schöne Angelegenheit, hatte eine Affäre mit einer jungen Büroleiterin. Die Sache wuchs sich mit der Geburt des heute zweijährigen Kindes zu dem erwartbaren Skandal aus, der, bei Lichte besehen, gar keiner ist. Die Schauspielerin Claudia Cardinale sagte einmal den schönen Satz, dass die Ehe dann am besten funktioniere, »wenn beide Partner ein bisschen unverheiratet bleiben«. Wer Jahre, gar Jahrzehnte mit jemandem verheiratet ist, weiß doch genau, dass ein eheliches Treuegelübde sehr weitherzig gefasst werden muss. Ja, dass es ein Zeichen großen Selbstbewusstseins ist (Hillary!), die Schwäche des Fleisches des Partners nicht in übertriebenem Ausmaß anzuprangern. Weshalb auch – das nur nebenbei – eine Trennung aufgrund einer albernen Affäre des Gegenübers für gewöhnlich nur von sehr unausgeglichenen, unsouveränen Gatten angestrebt wird.

Erst seit dem 18. Jahrhundert wird ernstlich allen abverlangt, dass erotische Passion nur innerhalb enger Grenzen sich entfalten dürfe. Die allumfassende bürgerliche Moral siegte über die Mätressenwirtschaft. Die Erfahrung indes lehrt, dass die Ehe es verdient, auch nach außerinstitutioneller Umtriebigkeit aufrechterhalten zu werden, und selbst dann, wenn der Eros aus ihr für immer entwich. Es ist ja auch eine herzlose Anmaßung, schnöden Sex mit Liebe zu vermengen und damit die Ehe überflüssigerweise zu belasten. Immerzu wittern wir heimliches Leid, wenn wir einen gehörnten Gatten erblicken. Insbesondere Frauen werfen wir Unemanzipiertheit vor, wenn sie einen Seitensprung tolerieren. Immerzu wittern wir einen Abgrund, wo nichts als Liebe ist.

Quelle: DIE ZEIT, 06.08.2009 Nr. 33

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