Welt : Gestern abend begann der Prozess gegen den Elfjährigen in Colorado

Wird hinter verschlossenen Türen verhandelt? Gegen den elfjährigen Raoul Wüthrich begann gestern am späten Abend der Prozess in Golden im US-Bundesstaat Colorado. Ein heftiges juristisches Tauziehen um Verfahrensfragen prägte die Stunden vor der Prozesseröffnung. Das Schweizer Außenministerium wollte verhindern, dass gegen den Jungen hinter verschlossenen Türen wegen der Vorwürfe des Inzests und der sexuellen Nötigung seiner Halbschwester verhandelt wird.

"Wir haben der US-Botschaft in Bern und dem Gericht in Colorado in einem Brief mitgeteilt, dass wir nicht akzeptieren können, dass bei der Anklageerhebung kein Vertreter unserer Botschaft anwesend sein darf", sagte Yasmine Chatila, Sprecherin des Außenministeriums in Bern.

In Golden wurde am Montag offiziell Anklage gegen Raoul erhoben. Das Gericht wirft dem Elfjährigen "schweren Inzest und sexuelle Nötigung" vor. Er soll seine fünfjährige Halbschwester im Intimbereich berührt und geküsst haben. Das Gericht hatte am Freitag erklärt, weder der schweizerische Honorarkonsul Walter Wyss noch Reporter dürften dem Prozess beiwohnen.

Die Verteidiger des Jungen wollten gleich zu Verhandlungsbeginn die Einstellung des Verfahrens beantragen. Dem Jungen mit Schweizer und amerikanischer Staatsbürgerschaft sei das Recht auf ein schnelles Verfahren vorenthalten worden, sagte Anwalt Vincent Todd. Die vorgeschriebene 60-Tage-Frist zur Anklageerhebung nach der Verhaftung sei letzte Woche abgelaufen.

"Ich erwarte, dass die Richterin diese Frage sofort entscheidet", sagte Todd. Er rechne damit, dass sie das Verfahren einstelle. "Wenn das geschieht, würde Raoul das Gericht mit dem Schweizer Konsul verlassen und in die Schweiz fliegen."

Die Behörden in Colorado und in der Schweiz haben Möglichkeiten erörtert, Raoul bald ausreisen zu lassen. Die Staatsanwaltschaft würde dem zustimmen, wenn sicher gestellt sei, dass er in der Schweiz "behandelt" wird, sagte Staatsanwaltschaft Hal Sargent. Wie berichtet haben sich die zuständigen Jugendbehörden von Colorado bereits in der Schweiz nach Therapieplätzen umgeschaut. Raoul müsste jedoch ein Teilgeständnis ablegen, was die Anwälte ablehnen. Man könne nicht verlangen, dass der Junge etwas gesteht, was er nicht getan habe, argumentieren sie.

Die Eltern des Jungen waren nach Raouls Festnahme mit ihren weiteren drei Kindern in die Schweiz geflüchtet. Sie befürchteten nach eigenen Angaben, man wolle ihnen das Sorgerecht für alle Kinder entziehen.

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