Gesundheit : „. . . denn wir sind die Besten!“

Der Präsident der Freien Universität Berlin verkauft sein Sparszenario gut. Die Studenten klatschen – doch dann kippt die Stimmung

Anja Kühne

„Kennt euren Feind“ steht auf einem Flugblatt, das am Montagmorgen durch die Reihen des Audimax der Freien Universität gereicht wird. Gemeint ist der Präsident der Freien Universität. Ein Typ, der bereit sei, für „Amt, Geld, Reputation und ein Schulterklopfen seiner Freunde“ „bedingungslos alle Vorgaben der herrschenden Politik“ umzusetzen. Daher, schreiben die Studenten, „steht er nicht auf unserer Seite und ist niemals unser Verbündeter“. Wirklich nicht?

FU-Präsident Dieter Lenzen verkauft sein Sparszenario so, dass die Studierenden ihm nicht nur konzentriert zuhören, sondern ihn immer wieder mit Szenenapplaus unterstützen: Kein Blatt scheint zwischen die Uni-Leitung und die Studenten zu passen. Geschickt stimmt Lenzen die Teilnehmer der offiziellen Vollversammlung mit einem Rückblick über die letzten zehn Jahre Berliner Uni-Lebens unter immer neuen Spardiktaten der Politiker ein.

Damit sind die Fronten klar: Wir FU-Leute hier, die Politiker dort. Lenzen addiert die Sparzumutungen: 1991 beschließt der Senat, die Zahl der ausfinanzierten Studienplätze von 115 000 auf 100 000 abzusenken. Vier Jahre später fordert der Senat die Schließung der Informatik, weil sie keine Zukunft habe – Lenzen hat die Lacher auf seiner Seite. Dann, 2002, entschließt sich die Politik, das Klinikum Benjamin Franklin zu schließen, „unser Benni also“, formuliert der Präsident mundgerecht für die vielen jungen Menschen, die er vor sich sieht. In den letzten zehn Jahren habe die FU 42 Prozent ihrer Professuren abgebaut, doch die Politik will noch mehr. „Ich habe den Finanzsenator Sarrazin gebeten zu kommen, aber er hat abgelehnt“, sagt Lenzen und erntet dafür wieder Gelächter. Etwa 2000 Studierende sind in den Henry-Ford-Bau gekommen, die Veranstaltung wird in mehrere volle Hörsäle übertragen, weil das Audimax überfüllt ist.

Die FU kommt also ums Sparen nicht herum, macht Lenzen den Studenten klar – die seinen Gedankengang mitgehen: 20 Millionen Euro spart die FU bis 2009, indem sie sich von 82 Professuren trennt, weitere 17 Millionen Euro, indem sie beim Botanischen Garten, bei der Verwaltung, dem Service und den Bibliotheken streicht. „Aber wir sind gut und müssen es bleiben“, sagt Lenzen. Und: „In Berlin sind wir die Besten.“ Ein Teil der Landeszuschüsse an die Unis werden nach Leistung verteilt, die FU bekommt hier als erfolgreichste Hochschule Geld von der TU und der HU.

In einem neuen weltweiten Ranking der Uni Schanghai steht die FU auf Platz 95. „Zum Vergleich: Die HU belegt Platz 152 bis 200“, sagt Lenzen. Damit die FU an der Spitze bleibt, wolle sie sich von möglichst wenigen Fächern trennen: „Wir müssen eine Volluni bleiben, denn wir sind die Besten“, sagt Lenzen noch einmal. Und wieder klatschen die Studenten.

Die Uni-Leitung hat sich gut überlegt, wo sie das Messer ansetzt. Um den Studierenden das klarzumachen, hat Lenzen das Fach Phantasmatik erfunden. Bei der Phantasmatik gibt es zwar viele Stärken, aber leider auch einige Schwächen. Zwar beenden viele Absolventen ihr Phantasmatik-Studium in der Regelstudienzeit, und viele machen danach mit der Promotion weiter. Außerdem sind erfreulich viele Alexander-von-Humboldt-Stipendiaten hier zu Gast. Und weder an der Humboldt-Uni oder an der Technischen Uni noch in Potsdam gibt es die Phantasmatik. Aber leider publizieren die Professoren wenig, leider auch fährt die Phantasmatik kaum Drittmittel ein, die den Uni-Haushalt entlasten – obwohl Phantasmatik ein eher teures Fach ist. Das Ergebnis: Die Phantasmatik bleibt an der FU, muss aber ein paar ihrer Professuren hergeben. Die Studierenden applaudieren, auch noch, als Lenzen die Phantasmatik verlässt und erklärt, warum die Rechtswissenschaft in Zukunft fünf Professuren weniger haben wird, genauso wie die Erziehungswissenschaften.

Erst bei der Psychologie, die auf vier Professuren verzichten soll, schreit jemand „Buh! In meinem Seminar sind jetzt schon 220 Leute!“ – „Seid ruhig“, schreit ein anderer Student zurück, „in meinem Fach ist es auch nicht besser!“ Doch mit der großen Harmonie im Saal ist es plötzlich vorbei. „Buh“ rufen Studenten, als die Soziologie an der Reihe ist (von neun auf vier Professuren).

„Buh“ auch, als der Vizepräsident Klaus Hempfer, den Lenzen die Kürzungspläne für die Geisteswissenschaften vortragen lässt, die Einschnitte für die Geschichte bekannt gibt (von 16 auf neun Professuren). Inzwischen laufen zwei über ihre Kommilitonen verärgerte Studenten durch den Saal und halten ihnen ein schnell geschriebenes Schild ins Gesicht: „Suche dringend Jubelstudenten. Bezahlung nach Leistung.“

Eine Indogermanistik wird es in Zukunft an der FU nicht mehr geben, ebenso wenig wie Musikwissenschaften. Hempfer verstärkt die Abwehrreaktionen der Zuhörer selbst: Er begleitet seine Streichankündigungen nicht mit Hieben auf die Politiker, sondern sagt spöttisch: „Die Philosophie wird eine kleine, aber eine ganz besonders feine Philosophie.“ Oder: „Die Musikwissenschaft hat zu viele Standorte in Berlin. Außerdem haben wir andere Probleme als die Musikethnologie.“ Oder: „Wir haben bewusst in die großen geisteswissenschaftlichen Fächer stärker eingeschnitten als in die kleineren. Die Kleineren wären sonst nämlich gar nicht mehr da“ – worauf Protestgeschrei aufbraust. „Darf ich Sie bitten zu glauben, dass wir uns die Entscheidung nicht leicht gemacht haben?“, fragt Hempfer gereizt.

Lenzen springt ihm bei und versucht, die Wogen zu glätten: Es handle sich hier nur um Vorschläge des Präsidiums, die vom Akademischen Senat und vom Kuratorium der Uni gebilligt werden müssten. Außerdem werde der Senat von Berlin noch mitreden. Vieles könne sich noch ändern, erst recht, wenn die Politik die TU zwingen würde, die Lehrerausbildung und die Geisteswissenschaften abzugeben. Dann könnte das dort überzählige Lehrpersonal vielleicht vorübergehend der FU zugeschlagen werden.

Aber die Stimmung ist gekippt. Ein Student mit einer wilden Haarmähne ergreift ein Saalmikro und beklagt das „Vokabular des Präsidenten“. In den Sparplänen der Uni-Leitung gehe es nur um Input und Output, um Leistung, Kosten und Nutzen, die Wissenschaft werde der Ökonomie unterworfen, die kritische Wissenschaft sei unter diesen Bedingungen am Ende. Kräftiger Applaus brandet auf. Lenzen scheint am Ende ratlos: Haben die Studierenden nun seine bitteren Pillen geschluckt – oder nicht?

0 Kommentare

Neuester Kommentar