Gesundheit : „... so dass die Macht die Macht zügelt“

Warum uns der Erfinder der Gewaltenteilung näher ist als andere Aufklärer: Zum 250. Todestag des Staatsphilosophen Montesquieu

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Von Vanessa de Senarclens Montesquieu starb am 10. Februar 1755, heute vor zweihundertfünfzig Jahren. Als sich sein Sterben abzeichnete, wurde dem Philosophen, der neben Rousseau und Voltaire die französische Aufklärung verkörpert, die letzte Ölung gegeben. Der Priester von SaintSulpice lauerte bereits an der Tür, seit sich das Gerücht von der schweren Erkrankung des berühmten Zeitgenossen in den Straßen und Salons von Paris verbreitet hatte. Der Geistliche wartete auf seine große Stunde. Mit der Hostie in der Hand wandte er sich mit feierlichem Ernst an den Sterbenden: „Glauben Sie, dass der Herr sich hierin verwandelt hat?“ – „Ja, ja“, gab Montesquieu zur Antwort, „ich glaube es, ich glaube es!“ – „Dann beten Sie ihn an“, verlangte der Seelsorger. Der Kranke setzte sich auf, nahm seine Mütze ab, richtete seine Augen gen Himmel und nahm mit der Rechten die Hostie.

Der Autor also, der von der ersten bis zur letzten seiner Schriften gegen die Vereinnahmung des Geisteslebens durch die Kirche, vor allem durch die Jesuiten, wetterte, verließ die Welt als guter Christ. Dagegen Voltaire: Noch auf dem Sterbebett ist er in heller Aufruhr gegen die „infamen“ religiösen Dogmen, die er als Ursache der Intoleranz, des Aberglaubens und der Verwirrung des Geistes ausmachte. Oder Rousseau, der sich von seiner protestantischen Genfer Herkunft löste, um eine Privatreligion zu gründen, die die Natur und auch ihn selbst in den Mittelpunkt rückte. Auf seinen Grabstein ließ er schreiben: „Hier ruht der Mann der Natur und der Wahrheit“. Montesquieu hingegen wollte die Welt nicht als Philosoph verlassen, als ein Mensch, der sich von seiner Herkunftsgeschichte gelöst hatte und von den Ideen der Aufklärung von Grund auf erneuert wurde. Entsprechend beugte er sich in seiner letzten Stunde dem Ritual der Kirche.

Die Fortschrittsdenker seiner Zeit haben ihm dies verübelt. Für Condorcet steht fest, dass Montesquieu mit dieser Geste seine eigene Philosophie verraten hat. Er konstatiert kühl, der Autor von „Der Geist der Gesetze“ habe sich „in extremis“ den von ihm stets als lächerlich erkannten Zeremonien und Ritualen unterworfen. Er sieht darin den Eindruck mangelnder intellektueller Festigkeit („esprit d’incertitude“) bestätigt, den er bereits beim Studium von Montesquieus Werken gewonnen hatte.

Tatsächlich war die politische Philosophie des Barons des Ancien Régime den Denkern seiner Zeit stets suspekt. Zum einen, weil Montesquieus Philosophie nicht das „Sein-Sollen“ in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt, sondern das „Ist“. Zum anderen, weil sie an die Frage des politischen Systems undoktrinär und pragmatisch herangeht. Für Montesquieu ist das Gleichgewicht zwischen den politischen Kräften von Bedeutung, während es den anderen Denkern der Aufklärung vor allem darauf ankam, der „volonté générale“ zum Durchbruch zu verhelfen.

Ein weiteres Ärgernis für die intellektuellen Zeitgenossen war die in ihren Augen unnötige Komplexität seines Denkens: Montesquieu versuchte, Vernunft und Fortschritt mit den vermeintlich irrationalen Traditionen in Einklang zu bringen, und entzog sich der Erwartung, mit klaren Thesen den revolutionären Fortschrittsglauben seiner Zeit abzustützen.

Charles-Louis de Secondat, Baron von Montesquieu, wird 1689 im Schloss von La Brède in der Gironde, einer Heidelandschaft südlich von Bordeaux, geboren. Noch heute kann man eine Pilgerreise zu dieser beeindruckenden mittelalterlichen Wasserburg unternehmen, die immer noch von der Familie bewohnt wird. Nachdem der Besucher eine Zugbrücke über einen Wassergraben überquert hat, taucht er ein in die feudale, nüchterne Welt, aus der der Denker stammt. Fern ist hier die Atmosphäre der damaligen Pariser Salons mit dem liebreizenden Rascheln der Seide, wie sie die Bilder von Chardins oder Greuzes vermitteln. Die dicken Mauern von La Brède lassen uns spüren, mit welchem Selbstverständnis unser Autor angetreten ist: Weder als Hofaristokrat noch als modischer Autor, vielmehr als stolzer Freiherr vom Lande. Seine intellektuelle und mondäne Karriere in Paris schenken ihm einen weiten Horizont, doch bleibt er, in guten wie in schlechten Jahren, seiner Scholle verbunden, bleibt im Wortsinne geerdet. Er vertreibt sehr engagiert seinen eigenen Wein, den er ins Ausland exportiert, wo er von seinem renommierten Namen profitiert. In guten Jahren verbringt er mehrere Monate in der Hauptstadt und führt dort ein anregendes Leben. In den mageren Jahren ist er gezwungen, den ganzen Winter über in La Brède zu bleiben, um den Besitz zu verwalten.

Sein erster Roman, die „Persischen Briefe“, der 1721 anonym in Amsterdam erscheint, war sofort ein überwältigender Erfolg. Der Roman hat die Form eines fiktiven Briefwechsels zwischen zwei Persern, die Europa bereisen und die Sitten und Gebräuche der verschiedenen Kulturen des Abendlandes beschreiben. Unter dem Deckmantel eines Liebesdramas erhebt dieses Buch Klage gegen den verbreiteten Despotismus; der Autor zeigt, das dieser stets auf der Willkür der Macht, den Ängsten der Untertanen gegründet ist und daher früher oder später untergehen muss. Zudem enthält es eine kaum verschleierte, harsche Kritik an den Sitten des französischen Hofs unter der Herrschaft von Louis-Philippe und an der moralischen Dekadenz seiner Elite. Die „Persischen Briefe“ nehmen auch die Kirche nicht von ihrer Kritik aus. In einem Brief an die Perser wird der Papst als ein Zauberer beschrieben: „Manchmal lässt er einen denken, drei sei eins, das Brot, das man isst, sei gar kein Brot, der Wein, den man trinkt, sei gar kein Wein und manches mehr.“

Diese Sicht auf die christliche Religion und die europäischen Sitten aus persischer Perspektive empfinden seine Leser als erfrischend. Die Vorsicht des Autors, die es ihm geraten erscheinen lässt, sein Buch anonym zu veröffentlichen, ist vergeblich: das Geheimnis der Urheberschaft wird bald gelüftet. Seit diesem frühen Erfolg zu Beginn der 1720er Jahre gehört Montesquieu zu den bekanntesten Schriftstellern seiner Epoche. Damit rückt er auch ins Visier der Zensur und der politischen Elite am Hof. Doch, im Gegensatz zu Rousseau, der sich in seiner Rolle als verfolgter „Mann der Wahrheit“ gefällt, sucht Montesquieu jeden Wirbel um seine Person zu vermeiden.

In den Jahren 1728 bis 1731 unternimmt Montesquieu eine große Reise durch Europa. Sie führt ihn nach Österreich, Italien, Deutschland, Holland und schließlich nach Großbritannien. In seinen Reisebriefen schreibt er über die Deutschen: „Die Deutschen sind gute Leute, wenngleich sie zunächst als eher wild und stolz erscheinen. Sie gleichen Elefanten, die uns auf den ersten Blick erschrecken, doch wenn man sie streichelt und ihnen schmeichelt, werden sie sanftmütig. Man braucht dann nur die Hand auf ihre Rüssel zu legen und sie lassen einen willig aufsteigen.“ Die Neugier für andere Kulturen und die Freude an der Betrachtung der Dinge aus neuer Perspektive zieht sich durch das ganze Werk von Montesquieu. Jeder Gegenstand einer Abhandlung wird für sich genommen gewürdigt – ohne den Anspruch, hieraus universell geltende Lösungen und Konzepte ableiten zu können.

Dieser von Toleranz geprägte Grundgedanke steht auch im Mittelpunkt des Hauptwerks von Montesquieu, an dem er über zwanzig Jahre gearbeitet hat: „Der Geist der Gesetze“. Dieses Werk ist keine systematische Abhandlung über die europäischen Rechtsordnungen. Es ähnelt vielmehr einem dichten Wald, durch den zahlreiche Schneisen geschlagen werden. Montesquieu interessiert sich weniger für die Gesetze als bindende Verträge zwischen den Menschen als vielmehr für den „Geist der Gesetze“, das heißt für den historischen Kontext, der das jeweilige Rechtssystem hervorbrachte. Er zeigt, dass sich „die Gesetze durch die Geschichte erhellen (lassen) und die Geschichte durch die Gesetze“.

Aber er belässt es nicht bei diesen rechtssoziologischen Betrachtungen, sondern begibt sich auf normatives Terrain. Hierbei offenbart sich Montesquieus zutiefst skeptisches Menschenbild, vor allem, wenn er das Thema Macht abhandelt. In dem berühmten Kapitel 11 über politische Freiheit, heißt es: „jeder Mensch, der Macht ausübt, ist getrieben, diese zu missbrauchen“. Montesquieu vergleicht die Prinzen mit „wilden Tieren, die nicht angekettet sind“, und versucht, Prinzipen zu formulieren, die dem gefährlichen Drang zum Machtmissbrauch Einhalt gebieten. Er entwirft eine Konzeption der Gewaltenteilung und liefert damit einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung des modernen Staatswesens: „Damit man die Macht nicht missbrauchen kann, muss die Disposition der Dinge so sein, dass die Macht die Macht zügelt.“ Mit der „Disposition der Dinge“ meint er die Aufteilung der Macht in drei Staatsgewalten: Legislative, Exekutive und Judikative.

Die Denkweise des Autors des „Geist der Gesetze“ ist uns heute sehr viel geläufiger als die der radikaleren Aufklärungsdenker. Montesquieu glaubt nicht an den großen Wurf, mit dem Staat und Gesellschaft in ein seliges Zeitalter der Vernunft katapultiert werden können, sondern akzeptiert die menschliche Unzulänglichkeit als unentrinnbar.Die Autorin ist Mitarbeiterin im Forschungszentrum Europäische Aufklärung, Potsdam, und hat verschiedene Werke zu Montesquieu veröffentlicht. Im Rahmen einer Tagung zu Montesquieu findet am Freitag, dem 11. Februar, eine Szenische Lesung der Persischen Briefe statt (19 Uhr, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Jägerstraße 22/23). Der Eintritt ist frei; Informationen unter der Telefonnummer 20370542.

MONTESQUIEU,

mit vollem Namen Charles de Secondat, Baron de La Brède et de Montesquieu, wird am 18. Januar 1689 im Schloss La Brède bei Paris geboren.

Nach dem Studium der Rechtswissenschaften wird er 1714 Rat, 1726 Präsident des Parlaments in Bordeaux und 1728 Mitglied der Académie française.

Scharfe Gesellschaftskritik übt er in seinen „Persischen Briefen“, die 1721 anonym erscheinen. In seiner Abhandlung „Betrachtungen über die Ursachen der Größe und des Verfalls der Römer“, die 1734 erscheinen und zu den Lieblingsbüchern Friedrich des Großen gehören, untersucht Montesquieu historische Gesetzmäßigkeiten großer politischer Veränderungen.

Seine Lehre von der Gewaltenteilung („Vom Geist der Gesetze“, 1748), wird prägend für den modernen Verfassungsstaat.

Montesquieu stirbt am 10. Februar 1755 in Paris.

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