Gesundheit : 100 erfolglose Bewerbungen auf eine Professur

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Von Bärbel Schubert

„Das deutsche Hochschulsystem leidet darunter, dass es zu viele Habilitanden produziert", warnte Hans Meyer, Jurist und ehemaliger Präsident der Humboldt-Universität. Diese hoch spezialisierten jungen Wissenschaftler haben später keinerlei Chancen auf eine Professur. Mit dieser Auffassung steht Meyer nicht allein. Auch Dieter Simon, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, sieht dieses Problem von der deutschen Professorenschaft nicht mit dem nötigen Ernst behandelt. „Auf eine zeitgeschichtliche Professur bewerben sich 100 Wissenschaftler. Es war aber nicht ein Qualifizierter darunter, berichtet dann anschließend der Lehrstuhlinhaber."

Personalentwicklung ist für die deutschen Universitäten bis heute weitgehend ein Fremdwort. Anders als in den USA machen sie sich nicht selbst auf die Suche nach neuen Wissenschaftlern. Und auch bei der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses spielen solche Überlegungen bisher selten eine Rolle.

„80 Prozent-Chance für Junioren“

Das soll mit der neuen Juniorprofessur nun anders werden. Ein funkelnder neuer Stern soll die Juniorprofessur werden – und als Qualifikationsweg angehender Professoren die bisher übliche Habilitation ersetzen. Selbstständiges Forschen und ein Abschluss nach sechs Jahren locken den Nachwuchs. Auch aus dem Ausland sollen damit fähige junge Leute zurückgewonnen werden. „Die Juniorprofessoren sollen bessere Chancen haben, ungefähr 80 Prozent von ihnen sollen bei einer Lebenszeit-Professur zum Zuge kommen“, so Meyer am Dienstagabend bei einer Diskussion der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zum Thema „Juniorprofessur - Jungbrunnen für die deutsche Wissenschaft?“. Es gehe nicht darum, möglichst viele Juniorprofessoren auszubilden, sondern dies für die wissenschaftliche Schwerpunktbildung zu nutzen. „Wenn die Juniorprofessuren ausgeweitet werden, ist dieser Effekt weg.“

Das ist noch Zukunftsmusik, denn in diesen Wochen treten die ersten Nachwuchswissenschaftler neuen Typs ihre Stellen erst einmal an – an Berlins Humboldt-Universität, in Niedersachsen und in Hessen. Dort setzt beispielsweise Horst Kern, Präsident der Universität Marburg, auf das neue Konzept. Er hat selbst bei den Juristen, die die Juniorprofessur besonders scharf ablehnen, eine solche Stelle eingerichtet.

Doch wie sehen die Zukunftsaussichten für die „Junioren“ aus? Der Widerstand gegen dieses Modell ist stark: Traditionellen Universitätsvertreter etwa im Deutschen Hochschulverband wollen an der Habilitation festhalten. Auch die Union hat in ihrem jüngst vorgestellten Wahlprogramm eine Stärkung der Habilitation angekündigt. durchsetzen.

Trotzdem: Die Aussichten für Juniorprofessoren sind besonders in Naturwissenschaft und Technik glänzend. Sie sind gesucht und können sogar durchsetzen, dass sie bei sehr guten Leistungen als Juniorprofessor direkt übernommen werden. Dieser „Bewährungsaufstieg“ entspricht dem amerikanischen tenure–track-Modell, das in Deutschland sehr umstritten ist. „Eigentlich war ich nicht dafür. Aber unsere Naturwissenschaftler haben mir versichert, dass sie ohne tenure ihre guten Leute nicht halten können“, berichtete Kern. In den eher überlaufenen Geisteswissenschaften sind die Perspektiven offensichtlich schwieriger. Dort wird auch noch über die Anforderungen gestritten.

Juristen werden die Letzten sein

Kern ist sicher, dass die Juniorprofessur der „richtige Weg ist“. Er habe jetzt die ersten zwei Frauen dafür gewonnen, eine Tumorbiologin und eine Chemikerin – „die erste seit Jahren“. Auch das Kalkül, junge Leute aus dem Ausland zurückzuholen, gehe auf. Aber können die Experten es empfehlen, sich in einem Fach als Juniorprofessor zu qualifizieren, das die Juniorprofessur vehement ablehnt, wie beispielsweise die Juristen? Im kleinen Kreis fragen Jura-Professoren offen: „Was soll passieren, wenn wir Nicht-Habilitierte einfach nicht berufen?“

Von ganzem Herzen empfehlen wollten die Experten bei der Akademieveranstaltung diese Weg nicht. „Die Juristen werden das sicher als Letzte einführen. Doch wenn sie es dann tun, wird es ganz schnell gehen“, meinte der Jurist Meyer. „Auf Dauer werden sie sich nicht als die Paria des Systems darstellen wollen.“ Denn auch der wissenschaftliche Fortschritt werde mit der frühen Selbstständigkeit beschleunigt. Wie schnell ein solcher Umschwung gehen kann, hat Kern in Marburg erlebt: Nach der Neuberufung mehrerer junger Professoren hätten sich dort sogar die Juristen für eine Juniorprofessur geöffnet. Kern: „Zumindest in den ersten Jahren müssen die Fachbereiche auf jeden Fall in der Mitverantwortung bleiben.“

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