Gesundheit : Der lange Weg vom Tigris an die Spree

Erst nachdem Wilhelm II. dem Sultan telegrafierte, durften deutsche Archäologen in Assur graben. Die Odyssee der Funde konnte der Kaiser nicht mehr verhindern

Wolfgang Lehmann

Im Sommer 1902 wurden Majestät ungeduldig. Seit dem 5. März lag der offizielle Antrag Deutschlands auf Grabungserlaubnis für Assur bei den osmanischen Behörden – und noch immer keine Antwort. Am 11. Juli entschließt sich Wilhelm II., den Instanzenweg zu umgehen, und bittet seinen Freund, den Sultan des Osmanischen Reiches, per Telegramm um grünes Licht. Abdul Hamid II. gewährt die Grabungserlaubnis binnen zehn Tagen. Die zweite deutsche archäologische Unternehmung in Mesopotamien – nach der 1899 in Babylon begonnenen Grabung – kann beginnen.

Die Konkurrenz war schneller

Der Kaiser kann nun „das Licht des deutschen Genius auch dorthin tragen“. Die deutschen Archäologen von der Akademie der Wissenschaften, der Deutschen Orient-Gesellschaft und den Königlichen Museen hoffen, in der assyrischen Königs- und Gottesstadt am Tigris Denkmäler der assyrischen Geschichte aus der noch nicht erforschten Zeit vor dem ersten vorchristlichen Jahrtausend zu finden.

Die Grabung soll der Archäologie des noch jungen Deutschen Reiches auch in Mesopotamien Weltgeltung gegenüber England und Frankreich verschaffen. Die Konkurrenten sind seit Mitte des 19. Jahrhunderts zwischen Euphrat und Tigris archäologisch präsent und konnten ihre Museen mit eindrucksvollen Funden füllen.

Ein Jahr später, im Oktober 1903, reist der junge Architekt Walter Andrae nach Assur, um die langfristig angelegte Grabung der Deutschen Orient-Gesellschaft zu leiten. Die letzte Strecke von zwei Tagen legt er tigrisabwärts auf einem Floß aus Ziegenhäuten, einem Kelek, zurück. Assur war einer der entferntesten Punkte des Osmanischen Reiches, fern von jedem Verkehrsweg.

Elf Jahre später werden seine Funde auf ebensolchen Keleks seine Wirkungsstätte verlassen. Nach einer zwölfjährigen Odyssee erreichen sie 1926 auf dem Wasserweg ihren Bestimmungsort, das von Andrae gegründete Vorderasiatische Museum am Berliner Kupfergraben. In den darauffolgenden Jahren – das Museum wird 1938 eröffnet – machen sie mit einer Zivilisation bekannt, die die Deutschen gar nicht, bestenfalls aus zweiter oder dritter Hand kannten – angefangen vom Alten Testament.

Diese Route, die Rolle des deutschen Kaisers, die diplomatischen Bemühungen um die Fundteilung sind am Anfang der Ausstellung „Wiedererstehendes Assur – 100 Jahre Ausgrabungen in Assyrien“ im Vorderasiatischen Museum dokumentiert. Übersichtlich und einprägsam informiert sie in hellen Räumen weiter über die hoch entwickelte Glastechnologie, die Restaurierung der Funde, die Publikation der über 45 000 Objekte im Assur-Projekt des Museums und der Deutschen Orient-Gesellschaft, das längst nicht abgeschlossen ist. Nicht zuletzt geben Keilschrifttexte auf Tontafeln und Steinen eine Ahnung vom hohen Stand der assyrischen Schriftkultur.

Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf den Titel eines Buches von Andrae, „Wiedererstandenes Assur“, worin dieser ein archäologisches Resümee vom Suchen und Finden bis zum Aufbau zieht. Der Ausstellungstitel bedeutet aber nicht nur Rückblick. Die Forschungen gehen weiter; so zeigt eine Computersimulation Ergebnisse der letzten zehn Jahre, ergänzt durch den Aufbau eines kleinen Stücks aus Fundamentblöcken eines assyrischen Tempels, gewissermaßen die Urzelle eines zu errichtenden virtuellen Tempels, womit in die Zukunft verwiesen wird.

Wenn das Vorderasiatische Museum bei der nötigen und bevorstehenden Restaurierung des Pergamonmuseums mehr Raum bekommt, sieht der Kurator der Ausstellung und Erfinder dieser Teilrekonstruktion Joachim Marzahn eine Chance, einen assyrischen Tempel wieder aufzubauen – virtuell. Denn es ist weder beabsichtigt noch möglich, einen Tempel aus Assur im Museum vollständig zu rekonstruieren.

Einmal wegen der Größe: Ein Grundrissvergleich zwischen Assur-Tempel und Berliner Dom zeigt in der Ausstellung seine immense Ausdehnung. Der Dom ist 80 Meter lang, der Tempel 180 Meter. Zum anderen sind gar nicht genug Steine vorhanden. Von den Lehmziegeln des oberirdischen Mauerwerks und den Fundamentsteinen ist die Hälfte bei der Fundteilung nach Istanbul gegangen.

Zu der unterirdischen und der oberirdischen Ebene kommt im Fundament aber noch eine überirdische, ein spirituelle. Ein Tempel besteht aus sichtbaren und unsichtbaren Komponenten, die – nach damaliger Auffassung – nur gemeinsam ihre Wirkung entfalten. Nach Marzahns Vorstellung könnten dafür sämtliche im Museum vorhandenen Denkmäler dieser Art, die sonst im Magazin verbleiben würden, in ihren Zusammenhang gebracht werden, in einem Bau, der „Fundstücke in einem fiktiven assyrischen Sakralbauwerk vereint“.

Wie sinnvoll eine virtuelle Tempelrekonstruktion ist, wird am Anfang der Ausstellung gezeigt. Archäologische, literarische und naturwissenschaftliche Forschungen zu Assur klammern sich nicht an die reale Herkunft der Fundstücke aus nur einem Tempel. Sie versuchen vielmehr, die einzelnen Bauteilen eingeschriebenen spirituellen Aufgaben zu entziffern: Die Geheimnisse der vorhandenen Fundamentblöcke aus dem Assur- und dem Ischtartempel enthüllen sich in ihren Texten, auch wenn diese durch Verbauung unsichtbar wurden. Die assyrische Kultur sei eine Schriftkultur par excellence, betont der Philologe und Keilschriftforscher Marzahn. In einem ausgeklügelten System haben die assyrischen Baumeister Material und Schrift kombiniert, um das Tempelfundament als Abbild des Kosmos anzulegen.

Perlen als Fundament

So weiß man durch jüngste naturwissenschaftliche Untersuchungen, warum unter den Steinblöcken ein Perlen- und Muschelbett angelegt war: Die Perlen und Muscheln stammen aus dem Mittelmeer, dem Persischen Golf und aus den Flüssen des Landes und symbolisieren den damals bekannten Erdkreis. Damit und mit verschiedenem, bearbeitetem und unbearbeitetem Gestein, mit Gold, Silber oder Lapislazuli sollte die Kraft der Erde in einem Ensemble von Wirkungskräften gebündelt und aus dem Urgrund der Erde in Himmelshöhen emporgeleitet werden.

Vorderasiatisches Museum im Pergamonmuseum auf der Museumsinsel. Bis 25. April 2004. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 22 Uhr. Zur Ausstellung erscheint ein umfangreiches Begleitbuch „Wiedererstehendes Assur“: Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. 202 S., mit vielen Abbildungen, 24,80 Euro.

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