Gesundheit : 100 Jahre Quantenphysik: "Man kommt hier schlecht weg"

Lothar Heinke

Das ARD-Hauptstadtstudio, zwischen 1996 und 1998 auf dem Areal eines ehemaligen Parkplatzes an der Ecke Wilhelmstraße/Reichstagsufer erbaut, steht auf historischem Boden. Eine Tafel an der Sandsteinfassade, rechts vom Eingang, erzählt davon: An dieser Stelle befand sich bis 1945 das Physikalische Institut der Berliner Universität. 1873/ 78 für Hermann Helmholtz gebaut, war es Wirkungsstätte bedeutender Physiker, darunter die Nobelpreisträger James Franck, Gustav Hertz, Walther Nernst und Wilhelm Wien. Max Planck begründete hier am 14. 12. 1900 in einem Vortrag die Quantentheorie.

Nun jährt sich dieses für die Welt-Physik so außerordentliche Ereignis zum hundertsten Male; Berlin erlebt eine Jubiläumswoche mit mehreren Symposien, einer Ausstellung in der Staatsbibliothek und einer Festsitzung am Donnerstag im Schauspielhaus. Dabei wird auch daran erinnert werden, dass Berlin zu Plancks Zeiten ein Weltzentrum physikalischer Forschung war.

Wo arbeitete und lebte der Physiker in der aufstrebenden Metropole? Was verband ihn mit Berlin - und welche Spuren sind noch heute auffindbar? Dieter Hoffmann, Mitorganisator der Jubiläumsveranstaltungen und Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, hat sich mit Leben und Werk des Nobelpreisträgers beschäftigt. "Planck war, wie er uns vermittelt wird, ein sehr preußischer Charakter, von starkem Pflichtgefühl geprägt, von Staatstreue und einem großen wissenschaftlichen Ethos." Planck kam 1889 mit 31 Jahren als Professor nach Berlin, wohnte zunächst in der Achenbachstraße, dann am Tauentzien und zog 1905, als er sich das leisten konnte, in eine Grunewald-Villa in die Wangenheimstraße 21. Dieses Haus gibt es nicht mehr, es wurde im Februar 1944 bei einem Bombenangriff total zerstört. "Der ideelle Schaden war ungleich größer als der materielle, weil dabei sämtliche Tagebücher und Briefe verbrannten und der wissenschaftliche Nachlass zerstört wurde", sagt der Historiker Hoffmann.

Plancks Beziehungen zu Berlin begannen schon 1878, als der junge Student für zwei Semester in die Reichshauptstadt kam und die Vorlesungen von Hermann Helmholtz besuchte. Ein Jahrzehnt später war es Helmholtz, der Planck an die Berliner Univrsität holte. An der Außenwand des Westflügels, schräg gegenüber dem Denkmal Friedrichs den Großen, teilt uns eine Gedenktafel mit: "In diesem Hause lehrte Max Planck, der Entdecker des elementaren Wirkungsquantums h, von 1889 bis 1928." Dieter Hoffmann erzählt, dass der Nobelpreisträger von 1918 oft die S-Bahn von Grunewald ins Stadtzentrum benutzte. Ein Student berichtete: "Sein Zug fuhr oft parallel mit meinem, und ich konnte dann Max Planck sehen, wie er in einem Abteil, das mit Angestellten und Ladenmädchen gefüllt war, seine Notizen zur Vorbereitung der Vorlesung studierte".

Wirkungstätten waren außer der Universität die Akademie der Wissenschaften - Planck war von 1912 bis 1938 einer der ständigen "Sekretare" - im Straßenflügel der Staatsbibliothek Unter den Linden, ferner die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (als Vorläuferin der heutigen Max-Planck-Gesellschaft), der Planck zwischen 1930 und 1937 als Präsident vorstand, die im Stadtschloss beheimatet war und ihre öffentlichen Vorträge im Harnack-Haus in Dahlem hielt. In Dahlem befindet sich auch das 1938 eingeweihte Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik. Schließlich sei daran erinnert, dass sich Planck für die Messungen seiner Jahrhunderttheorie der im Krieg zerstörten Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in der Marchstraße hinter dem heutigen Ernst-Reuter-Platz bediente, der Physiker gehörte deren Kuratorium an, wie er überhaupt in vielen Kuratorien vertreten war, auch dem der Hochschule für Musik.

1943 hatte sich Max Planck als Berliner "geoutet", als er sagte: "Seit 1889 bin ich hier in Berlin an der Universität, also eigentlich ein alter Berliner. Aber so richtige alte Berliner gibts eigentlich gar nicht, die hier geboren sind; und das geht ja alles in den akademischen Kreisen hin und her ... doch wenn man einmal in Berlin gelandet ist, kommt man hier schlecht weg, denn hier ist doch schließlich der Mittelpunkt aller geistigen Bewegungen in ganz Deutschland".

Sieben Monate vor seinem Tode, am 11. März 1947, antwortete Max Planck dem Direktor einer Oberschule in Berlin-Mitte auf dessen Bitte, ob die Schule Plancks Namen tragen dürfte: "Selbstverständlich wird es mir eine Freude und eine Ehre sein, wenn Ihre Schule meinen Namen trägt. Es ist eine schöne Aufgabe, der Jugend den wahren Geist der Forschung nahe zu bringen." Die Schule - heute in der Singerstraße gelegen - hält diesen Brief, eine Büste und den Namen Max Planck in Ehren, die Schüler präsentieren sich mit einer szenischen Darstellung des Streits der Ideen in der Physik, und zur alljährlichen Wiederkehr der Verkündung der Quantentheorie findet ein "Planck-Tag" statt - diesmal besonders festlich zum 100. Jubiläum am Donnerstag.

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